Bauhaus-Universität Weimar

11. Naturzweckmäßigkeit 
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werden von denkenden und wollenden Wesen als etwas erst künftig 
zu Verwirklichendes vorgestellt und können in der realen Welt nur 
dadurch wirksam werden, daß die Vorstellungs- und Willensakte, 
deren Gegenstand oder Inhalt sie sind, auf die reale Welt ein¬ 
wirken können : eine Annahme, die Komplikationen mit sich führt, 
wenn sie überhaupt möglich ist (s. folgenden Paragraphen). Außer¬ 
dem fragt es sich, wer das psychische Wesen sein soll, das die 
Naturzwecke vorstellt und zu verwirklichen begehrt. Irgendeine 
Art von Psycho vit alismus erscheint also damit nahegelegt. 
Dennoch liegen hier augenscheinlich umfassende Tatbestände 
vor, welche die Naturforschung nicht ignorieren kann. Zwei Ziele 
sind es, die in der organischen Natur in erster Linie verwirklicht 
erscheinen: die Erhaltung des Individuums und die der 
Art (Fortpflanzung). Diese beiden werden durch die mannig¬ 
fachsten, bis in die feinsten Details ausgearbeiteten Mittel erreicht. 
Darüber hat die Naturforschung seit dem Altertum und besonders 
in den letzten Jahrhunderten weitgehende Aufklärungen gegeben. 
Die Arterhaltung ist aber nach dem heutigen Wissensstände durch 
eine in bestimmter Richtung langsam fortschreitende Umbildung 
der Arten modifiziert oder ergänzt zu denken. Man kann diese 
auch als das dritte der Naturziele bezeichnen. Über die Art seiner 
Verwirklichung herrscht freilich noch vielfach Dunkelheit. 
Um nun die Schwierigkeit bezüglich des zwecksetzenden 
Wesens wenigstens vorläufig zu umgehen, kann man die genannten 
Zwecke als Natur zwecke bezeichnen. Man hat damit einen 
kurzen Ausdruck, der den verschiedensten Weltanschauungen 
gemein ist und sogar die Möglichkeit offen läßt, jenes Wesen als 
bloß fiktiv zu fassen1, und man kann doch eine gute Strecke in 
der gemeinschaftlichen Behandlung hierher gehöriger naturwissen¬ 
schaftlich lösbarer Fragen weiterkommen, nämlich der Fragen: 
welchem der genannten Zwecke eine Einrichtung dient und 
wodurch sie ihm dient. 
Man hat auch versucht, den Begriff der Naturzweckmäßigkeit so zu 
definieren, daß überhaupt in keiner Weise, auch nicht versteckt, auf ein 
denkendes und strebendes Wesen Bezug genommen wird. So habe ich 
selbst einmal (in der Rede über den Entwicklungsgedanken in der gegen¬ 
wärtigen Philosophie 1900, Philosophische Reden und Vorträge 1910) vor¬ 
geschlagen, als zweckmäßig solche Gebilde zu bezeichnen, „die durch Ver- 
1 Schon der Materialist Demokrit gebrauchte die im Grunde teleo¬ 
logische Wendung: „Das ist von der Natur so eingerichtet“ ((pvaecoç 
vno ôsôrj/uovQyi'jrai). Auch Haeckel spricht von „Kunstformen der Natur“.
        

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