Bauhaus-Universität Weimar

774 § 30. Kausalität in der organischen Natur 
Gaußschen Fehlerkurve zu haben braucht)1. Daher sind auch 
Voraussagungen über die in künftigen Einzelfällen zu erwartende 
Häufigkeitsziffer des bezüglichen Ereignisses nur mit entsprechen¬ 
den Abstufungen der Wahrscheinlichkeit zu machen. So kann der 
Mensch eine gewisse Körpergröße erreichen, die bei normalen In¬ 
dividuen desselben Geschlechtes und derselben Rasse innerhalb 
bestimmter Grenzen schwankt, und so hat schon Quetelet2 
Häufigkeitskurven für diese und andere Eigenschaften gegeben. 
Aber die neuere Biologie hat auch arithmetische Gesetzlich¬ 
keiten gefunden, die nicht innerhalb mehr oder weniger weiten 
Grenzen schwanken, sondern zahlenmäßig genau in jedem Einzel¬ 
fall zutreffen. So die Mendelschen Vererbungsgesetze, das Boveri- 
sche Gesetz der Zahlenkonstanz der Chromosomen u. a. Solche 
Gesetze bilden freilich noch die Minderheit, und es liegt darin ein 
wesentlicher Unterschied der biologischen Erkenntnis von der des 
Physikers, der ein nicht in voller algebraischer Rüstung auf- 
tretendes Gesetz überhaupt nicht als solches anerkennen würde. 
Der tiefste Grund für den Mangel an mathematisch genauer 
Formulierbarkeit bei den meisten biologischen Gesetzen liegt 
natürlich in der ungeheuren Kompliziertheit auch der einfachsten 
Organismen und organischen (organismischen) Vorgänge. Alle 
diese verwickelten Anordnungen und Umordnungen höchst zahl¬ 
reicher Moleküle sind nicht genau geometrisch zu definieren wie 
die Bahn eines Planeten oder die Zykloidenkurve eines Nagels auf 
einem rollenden Rade. Kein Begriff unserer hochentwickelten 
Geometrie würde dazu hinreichen. Man kann die Vorgänge nur 
mehr oder minder adäquat beschreiben mit Ausdrücken, die dem 
Wortschatz der Alltagssprache für charakteristische Gestalten ent¬ 
nommen sind, besonders aber mit Abbildungen oder schematischen 
Zeichnungen oder Modellen. Daher sind auch genaue quantitative 
Voraussagungen, die eine ebenso genaue Verifikation gestatten, 
vorerst nicht oder nur selten möglich. Daß eine Ellipse durch 
Annäherung ihrer beiden Brennpunkte schließlich in einen Kreis 
übergeht, kann man Voraussagen. Aber wer könnte aus der 
Kenntnis einer bestimmten Entwicklungsphase eines Embryo seine 
Gestalt in der folgenden Phase vorausberechnen ? Gewiß ist der 
Unterschied nur graduell, aber er ist ungeheuer groß. 
1 Vgl. H. Rupp, Über Häufigkeitskurven. Psychotechnische Zeit¬ 
schrift IV (1929), S. 89ff., 119ff. (wo auch früheres Schrifttum). 
2 Quetelet, Anthropométrie. Paris 1871.
        

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