Bauhaus-Universität Weimar

5. Entwicklung und Vervollkommnung 
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als solches anginge, sondern innerhalb einer kurzen endlichen Zeit¬ 
spanne und durch eine von der Stelle der Entnahme aus sich fort¬ 
pflanzende Verschiebung. Und so ist es auch bei allen Verände¬ 
rungen irgend welcher Teile eines Organismus. So wahr es ist, 
daß auch die kleinste Veränderung eines Teiles mehr oder weniger 
das Ganze beeinflußt, so ist doch nicht momentan das Ganze ver¬ 
ändert, sondern in jedem Augenblick nur ein kleinster Teil. Für 
die Formulierung kausaler Gesetzlichkeiten ist dies von entschei¬ 
dender Bedeutung. Wenn ich die kurzen Äußerungen Max Hart¬ 
manns über die Gestalttheorie im physiologischen Gebiete1 (ihre 
psychologische Bedeutung erkennt er durchaus an) recht verstehe, 
so liegt seinen Einwürfen derselbe Gedanke zugrunde. 
5. Entwicklung und Vervollkommnung 
Außer den Begriffen der Ganzheit und der Struktur spielen 
auch die der Entwicklung und der Vervollkommnung (des 
Fortschrittes) eine wesentliche, charakteristische Rolle für das Ver¬ 
ständnis der organischen Welt und ihrer Kausalität. 
Entwicklung in dem Sinne, wie wir das Wort in der Wissen¬ 
schaft vom Leben und in den Zusammensetzungen „Entwicklungs¬ 
lehre“, „Entwicklungsgeschichte“, „Entwicklungsmechanik“ u. a. 
gebrauchen und wie es zum unentbehrlichsten Terminus der Bio¬ 
logie geworden ist, bedeutet den kausalen Zusammenhang einer 
organischen Gestaltreihe von einer einfachsten Anfangsgestalt, dem 
Keim2, an bis zu einer komplizierteren Endgestalt. Dies gilt für 
die ontogenetische wie phylogenetische Entwicklung. Im ersten 
Fall ist aber die Entwicklung mit der Erreichung des „erwachsenen“, 
d. h. voll funktionsfähigen Zustandes abgeschlossen, dessen weitere 
Umbildung mit oder ohne Mitwirkung von Krankheiten oder Un¬ 
fällen in einer für jede Art charakteristischen Maximalzeit zum 
Tode führt, während wir als Abschluß einer phylogenetischen Ent¬ 
wicklung die heutige Form des betreffenden Organismus be¬ 
trachten. 
1 M. Hartmann, Allg. Biologie, 2. Aufl., S. 730: „Für die physi¬ 
kalische Erkenntnis ist der Gestaltcharakter eines Systems mehr oder minder 
belanglos; sie erwächst einzig und allein aus der kausalgesetzlichen Ana¬ 
lyse“ usf. 
2 Vom Keim unterscheiden wir die „Anlage“ als die Beschaffenheit 
des Keimes in Hinsicht einer bestimmten Eigenschaft oder eines Teiles des 
daraus hervorgehenden Organismus.
        

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