Bauhaus-Universität Weimar

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§ 21. Hypothesen und Fiktionen als Erkenntnismittel 
sachliche Streitigkeiten in logisch-methodische aus. Wie aber 
gerade diese Frage dazu kam, eine entscheidende Rolle zu spielen, 
ist mir nicht bekannt. Die Logik weiß zwischen den beiden Be¬ 
griffen, die man ja verschieden definieren kann, entweder keinen 
oder nicht einen so wesentlichen Unterschied zu machen. Man hört 
wohl beispielsweise sagen, der Darwinismus sei keine Theorie, 
sondern eine Hypothese, und zwar eine schlechte. Die so sprechen, 
müssen es ja wissen. Sie können vielleicht, nachdem nun über 
60 Jahre verflossen sind, eine bessere Hypothese auf stellen, oder 
gar eine Theorie. Aber ob diese nach weiteren 60 Jahren nicht 
wieder zu einer Hypothese herabgesunken sein wird, muß abge¬ 
wartet werden. Jedenfalls scheint in dieser Anwendung der Be¬ 
zeichnung ein gewisser Unterschied angedeutet werden zu sollen. 
Worin könnte ein solcher liegen ? 
Am besten läßt sich wohl das Verhältnis, wenn man einen 
Unterschied machen will, so formulieren: Eine Theorie ist die Durch¬ 
führung einer oder mehrerer Hypothesen in einem größeren Er¬ 
scheinungsgebiet. So spricht man von der Wellentheorie des 
Lichtes, von der allgemeinen Theorie der Elastizität (wobei die Vor¬ 
aussetzungen der Mechanik und die einer at omis tischen oder stetigen 
Struktur der Materie zugrunde gelegt werden, wonach die Theorien 
historisch verschiedene Gestalten angenommen haben), von einer 
Theorie des Nervenprozesses, einer Farbentheorie, der Helmholtz- 
sehen Konsonanztheorie usw. Überall sind bestimmte Hypothesen 
die Grundlage, aber es wird zu zeigen versucht, daß die bisher be¬ 
kannten Erscheinungen des Gebietes sich aus diesen Voraus¬ 
setzungen ableiten (erklären) lassen. In diesem Sinne ist zweifellos 
Darwins Lehre eine echte Theorie, mag sie uns heute noch so unge¬ 
nügend erscheinen. Sie gründet sich auf die Hypothese des Zu¬ 
sammenwirkens dreier Faktoren, der zufälligen Variationen, der 
natürlichen Zuchtwahl durch den Kampf ums Dasein, der Ver¬ 
erbung, und sucht zu erweisen, daß durch dieses Zusammenwirken 
in Verbindung mit verschiedenen anderen Faktoren (Migration 
usw.) die Differenzierung der Spezies und die Angepaßtheit der 
gegenwärtigen Organismen an ihre Lebensbedingungen verstanden 
werden kann. 
Man kann auch sagen: bei der Hypothese ist der Sachverhalt 
selbst noch fraglich, bei der Theorie ist es die Erklärbarkeit der Er¬ 
scheinungen nach ihrem ganzen Umfange aus den angenommenen 
Sachverhalten.
        

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