Bauhaus-Universität Weimar

13. Der erkenntnistheoretische Charakter des Kausalgesetzes 739 
sammenhang im Geiste der unendlichen Substanz, und er gebraucht den 
Ausdruck ,,sequitur“ für die Abfolge einer Tatsache aus einer anderen 
systematisch zugleich im zeitlichen und im logischen Sinne. Die Wirkung 
geht ihm genau so aus der Ursache hervor wie der Schluß aus den Prämissen. 
Auch er setzt aber bei dieser Kausaltheorie eine adäquate Erkenntnis (sub 
specie aeterni) voraus. 
Später hat noch einmal Schopenhauer versucht, der physikalischen 
Kausalität einen tieferen Sinn zu geben, indem er sie als die unterste Stufe 
der Objektivation des Urwillens faßte, der sich in höheren Stufen in der 
Tier- und Menschenwelt als Trieb und vernünftiges Wollen offenbart, das 
Kausalgesetz aber als eine der vier Formen des Satzes vom zureichenden 
Grunde, der auch in anderen Gebieten des Geisteslebens Geltung habe. 
Diese Versuche, dem Kausalgesetz mit der apriorischen Deutung zu¬ 
gleich einen tieferen Sinn unterzulegen, wird der Physiker den Metaphy¬ 
sikern überlassen. Aber auch die Erkenntnislehre kann sie zunächst wohl 
kaum als fruchtbar für den Fortschritt der Erkenntnis gelten lassen. Sie 
wären es, wenn sich daraus Folgerungen ziehen ließen, welche zur Lösung 
oder Weiterführung schwebender Fragen der Einzelwissenschaften führten, 
wenn sich z. B. überzeugend nachweisen ließe, daß die verschiedenen in 
unserem Geistesleben beobachtbaren Formen der psychischen Kausalität 
oder daß die verschiedenen Formen des Schließens, der intellektuellen Pro¬ 
zesse überhaupt sich unzweideutig wiederfinden lassen in Vorgängen der 
unorganischen oder organischen Natur oder in den Verschiedenheiten dieser 
Gebiete, wie dies Schopenhauer und später die Psycho vitalist en, namentlich 
Pauly, lehrten. Aber vorläufig sind statt überzeugender Erklärungen nur 
Phantasien zutage getreten. Einstweilen wird man daher solche Ideen noch 
in den Vorratskammern der Forschung aufbewahren, braucht aber darum 
noch nicht auf alle späteren Verwendungsmöglichkeiten und auf ihr Durch¬ 
denken in Mußestunden gänzlich zu verzichten. 
Unter den Denkern, die den Kausalbegriff in dem nüchternen 
Sinne verstehen, wie es der heutigen Physik entspricht, steht Kant 
immer noch in erster Reihe. Er war nach eigenem Geständnis znm 
Nachdenken über ihn durch Hume angeregt worden, dessen Lehre 
ihm aber mit Recht zu skeptischen Konsequenzen zu führen schien. 
Andererseits erkannte er den Versuch Christian Wolfs, die ana¬ 
lytische Natur des Kausalgesetzes zu erweisen, als unzulänglich. 
Und so kam er zu dem Ausweg seiner ,,synthetischen Grundsätze 
a priori“, für die ihm gerade das Kausalgesetz neben den geome¬ 
trischen Axiomen als schlagendstes Beispiel erschien. Denn der 
Begriff der Veränderung enthält eben nicht den der Ursache, und 
dennoch drängt sich uns dieser Satz nach Kants Meinung ebenso 
evident auf wie der Satz der Identität und des Widerspruches. 
Das war im Grunde auch schon Leibnizens Lehre; Kant hat sie 
aber systematisch durchgeführt und die synthetische Natur solcher
        

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