Bauhaus-Universität Weimar

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21. Hypothesen und Fiktionen als Erkenntnismittel 
dieser ihrer Allgemeinheit als Genauigkeit waren und sind sie Hypo¬ 
thesen, immer aufs neue verifiziert, aber dennoch nur Hypothesen. 
Schließlich kann man es doch in keinem Falle eine Beschreibung 
der Erscheinungen nennen, wenn man die für unsere Sinnes- 
Wahrnehmung höchst unregelmäßigen Bewegungen der Planeten 
am Himmelsgewölbe, die uns allein unmittelbar gegeben sind, auf 
Ellipsen zurückführt. Das sind sie als Erscheinungen bei weitem 
nicht, wenigstens solange man unter Erscheinungen die Sinnes¬ 
empfindungen (Erscheinungen erster Ordnung) versteht. Die 
Ellipsen sind nur vorgesteilt oder gedacht, und die einzigen 
Regeln, welche hier der Willkür unseres Vorstellens und Denkens 
Schranken setzen, sind die Regeln der Hypothesenbildung. Darauf 
kommt man also doch zurück, wenn man sich vergegenwärtigt, 
was wohl mit einer ,,Beschreibung der Erscheinungen“ hier gemeint 
sein kann. Das Wort muß in sehr uneigentlichem Sinne verstanden 
werden1. 
Mit erstaunlicher Schärfe hat bereits Platon2 das Ziel der 
Forschung in Hinsicht auf die Planetenbewegung bezeichnet: 
,,zcvcov vtcoteïïelowv öjuakdv xal rerayjuévcov xivrjoscov ôiaowfîf/ rà 
tieqI ràç xivrjoeiç tojv nXavwuévwv cpaivöjueva“, zu deutsch: ,,Welche 
gleichmäßigen und geordneten (gesetzmäßigen) Bewegungen man 
voraussetzen muß, um den Erscheinungen in Hinsicht der Planeten¬ 
bewegungen gerecht zu werden.“ Man kann die Rolle der Hypo¬ 
thesenbildung nicht knapper und richtiger, ja auch moderner 
charakterisieren, als es der Schöpfer der Ideenlehre, der in der 
Naturforschung keine strenge Wissenschaft erblicken wollte, in 
diesen Worten getan hat. Höchstens würden wir auf die Bewe¬ 
gungsgesetze mehr Gewicht legen als auf die Bewegungsformen, 
die doch nur die Folgen der gesetzmäßig wirkenden Kräfte und bei 
den Planetenbewegungen in Wirklichkeit keine genauen Ellipsen 
(geschweige denn Kreise) sind3. 
1 Mach (Erkenntnis und Irrtum. 4. Aufl. Leipzig 1920, S. 247), 
dessen Einfluß wohl in den Ausführungen Hillebrands merkbar wird, hat 
doch selbst die Rolle des Hypothetischen bei der Entdeckung der Gravitation 
Hillebrand gegenüber betont. 
2 Simplicii in Aristotelis de caelo commentaria, ed. I. L. Heiberg, 
Berlin 1894 (Commentaria in Aristotelem Graeca, ed. Acad. Litt. Regiae 
Boruss. Yol. VII), S. 488, Z. 22—24. 
3 Es ist auch nicht einmal ein Zufall, daß Galilei und Kepler, die sehr 
viel über Methodisches nachgedacht haben — eine wichtige Schrift Keplers 
handelt speziell über die Natur der Hypothese (Apologia Tychonis contra
        

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