Bauhaus-Universität Weimar

5. „Hypotheses non fingo“ 
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von Kepler nachgewiesenen Formen der Planetenbahnen ange¬ 
wendet und diese mit Hilfe des nämlichen Begriffes beschrieben, 
woraus sich die Formel der Zentralkräfte und speziell der Gravi¬ 
tation ergab. Außerdem allerdings habe Newton entdeckt (was 
sich später immer genauer bestätigte), daß die Gravitationskon¬ 
stante für den irdischen Fall und für die himmlischen Fallbewe¬ 
gungen die nämliche sei. Aber diese Identität der Konstante habe 
auch nichts mit einer Hypothese zu tun. 
Hillebrand hat die mathematische Prozedur, die auf die Formel 
der Schwerkraft führt, richtig charakterisiert. Sie liegt in der 
konsequenten Anwendung des Galileischen Kraftbegriffes auf die 
Planetenbewegungen und enthält insofern nichts Hypothetisches, 
was nicht schon im Fallgesetze selbst liegt. Dennoch möchten wir 
nicht zugeben, daß es sich um eine reine Beschreibungsangelegenheit 
handelte, bei der die Hypothesenbildung gar keine Rolle spielte. 
Für den Positivismus allerdings sind Naturgesetze überhaupt nichts 
weiter als Beschreibungen, indem an die Stelle der beobachteten 
Zahlenwerte, wie sie z. B. in der Tabelle der zusammengehörigen 
gemessenen Fallhöhen und Fallzeiten vorliegen, der Kürze halber 
eine algebraische Formel gesetzt wird. Aber wir würden es schon 
entschieden als eine Hypothese bezeichnen, wenn die Gültigkeit 
einer solchen Formel nicht nur für alle beobachteten, sondern auch 
für alle zwischen ihnen liegenden nicht beobachteten Fallhöhen 
und Fallzeiten vorausgesetzt wird. Ja schon die Ziehung einer 
Kurve, welche nur in der Nähe der beobachteten Werte vorbei oder 
zwischen ihnen hindurch geht und die einzelnen Beobachtungen 
nicht nur verbindet, sondern zugleich verbessert, involviert zweifel¬ 
los eine Hypothese. Und so war es auch schon bei Kepler eine 
Hypothese, wenn er die von Tycho de Brahe beobachteten Orte der 
Planeten zu verschiedenen Zeiten unter dem einfachen Bild und 
Begriff einer Ellipse, und wenn er die weiteren Beobachtungsdaten 
unter seine drei Gesetze zusammenfaßte oder vielmehr diesen drei 
allgemeinen Sätzen, die keineswegs mit der bloßen Summe jener 
einzelnen Tatsachen identisch sind, unterordnete. Wissen wir 
doch auch, daß die tatsächlichen Planetenbahnen keineswegs genaue 
Ellipsen sind; und selbst wenn sie es wären, also alle gegenseitigen 
Störungen wegfielen, würden die Beobachtungen immer noch in¬ 
folge der Beobachtungsfehler kleine Abweichungen von den durch 
die Gesetze geforderten Werten zeigen. Insofern sind diese nicht 
nur unendlich umfassender, sondern auch genauer, und sowohl in
        

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