Bauhaus-Universität Weimar

5. Zeitlichkeit und Wirklichkeit 
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Es liegt nicht ganz ebenso beim Raume. Man könnte sich 
wohl eine Welt von Dingen denken, die untereinander auch in ge¬ 
setzlicher Wechselwirkung ständen, aber nach ganz anderen Ge¬ 
setzen als denen unserer räumlichen oder raumähnlichen Welt, ein 
System von Monaden oder platonischen Ideen (ovk sv xlvl xotico), 
das nicht einmal in der sinnlichen Erscheinung sich als räumliches 
System darböte, sondern ähnlich wie Akkordtöne bei mannigfacher 
Modulation der Harmonie wechselnde Beziehungen qualitativer 
Art vor unseren Sinnen entfaltete. Die zeitlichen Verhältnisse, 
Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge müßten aber auch dort 
realisiert sein. 
Nur in bezug auf ein überwirkliches, übernatürliches, über¬ 
individuelles, transzendentes Urwesen — oder wie man sonst den 
Namen Gottes gelehrt umschreiben mag — kann auch die Frage 
der Zeitlosigkeit noch einmal gestellt werden. Sowohl theistische 
als pant heistische Systeme haben seit Platon (wenn man nicht 
noch weiter auf Parmenides zurückgehen will) die Zeitlosigkeit 
Gottes behauptet. Sein Dasein sollte nicht verlaufen wie ein 
menschlicher Lebenslauf, weder in endlicher noch auch in unend¬ 
licher Zeit, sondern ewig stillestehen. Im Grunde war es die absolute 
Un Veränderlichkeit, die damit gemeint war und die auch noch 
nachdrücklicher als die Zeitlosigkeit behauptet wird (vgl. z. B. 
Platon im 2. Buche seiner Politeia, Aristoteles im 12. Buche seiner 
Metaphysik). Da man die Zeit selbst als eine Veränderung vom 
früheren zum späteren Zeitpunkte hin aufzufassen pflegte, wurde 
aus der absoluten Unveränderlichkeit die Zeitlosigkeit erschlossen. 
An die Stelle der Zeit trat im Gottesbegriffe die Ewigkeit. Sie 
war nicht eine unendliche Zeit, sondern davon noch prinzipiell 
unterschieden, eine höhere Existenzart. Wie das Psychische den 
Raum in einer anderen Weise erfüllt als das Physische, ganz im 
ganzen und ganz in jedem Teil, so sollte Gott die Zeit in einer 
gelebt hätte, was hätte er zu Nietzsches neuer Moral gesagt ?“ Oder : „Wenn 
Mozart heute auferstände, was würde er zur gegenwärtigen Musik sagen?“ 
Aber keiner läßt sich aus seiner Zeit in eine andere versetzt denken, ohne 
daß man auch seine ganze Persönlichkeit dadurch mehr oder weniger ver¬ 
ändert denkt. Man kann solchen Fragen nur den Sinn unterlegen: „Wie 
ist Nietzsches Moral vom Geist und Standpunkt der Kantischen aus zu be¬ 
urteilen, wie die gegenwärtige Musik vom Geist und Standpunkt Mozarts 
aus?“ So enthalten sie keinen inneren Widerspruch mehr, können aber 
freilich auch nicht mehr als besonders geistreich angesehen werden. 
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