Bauhaus-Universität Weimar

2. Der Raum der klassischen Physik 
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lehre nichts zu schaffen. Es handelt sich keineswegs um bloße 
Metaphern, sondern um vollwertige Gestaltbegriffe, die zwar von 
einzelnen naheliegenden Erscheinungen abgezogen, dann aber all¬ 
gemein gefaßt und verstanden werden. ,,Treppenförmig, ketten¬ 
förmig“ sind spezifische Gestaltmerkmale, die gewisse Gestalt¬ 
klassen von allen anderen abgrenzen, auch wenn die Abgrenzung 
nicht haarscharf ist. Alle diese Namen sagen uns etwas, rufen 
sofort nicht nur konkret-anschauliche Vorstellungen (von Haus¬ 
treppen, Hundeketten), sondern Begriffe ins Bewußtsein, die 
ihrem allgemeineren Sinne nach verstanden werden, ohne einer 
Definition zu bedürfen. Das, was sie sagen, genügt in zahllosen 
Fällen auch den Bedürfnissen der beschreibenden Naturwissen¬ 
schaft. Obgleich, oder vielmehr gerade weil sie in der Anwendung 
einen gewissen Spielraum lassen, sind sie in Gebieten von großer 
Variabilität der individuellen Erscheinungen, wie denen der 
organischen Natur, von Nutzen. 
Außerdem weist allerdings die Terminologie der beschrei¬ 
benden Naturwissenschaften noch eine Menge neu geschaffener 
gestaltbezeichnender Kunstausdrücke auf, deren Bedeutung durch 
Definition festgelegt wird. Wo es möglich und notwendig er¬ 
scheint, können dann immer noch die exakt-geometrischen Be¬ 
griffe (wie bei den Kristallformen) oder Zahlenangaben (bei den 
Staubfäden, den Spektrallinien usw.) herangezogen werden. 
Schließlich bleibt, wo alle diese Merkmale nicht genügen, die 
nachbildende Zeichnung. Für die Technik und Symbolik wissen¬ 
schaftlicher Zeichnungen sind in den verschiedenen Gebieten be¬ 
sondere Methoden ausgearbeitet (geographische Karten, geo¬ 
logische Gebirgsdurchschnitte, anatomische Abbüdungen und 
Modelle). Auch die ausgeführtesten Abbildungen werden aber 
gegenüber der Wirklichkeit immer mehr oder weniger schemati¬ 
siert, nicht nur wegen der Unzulänglichkeit aller menschlichen 
Nachbildung, sondern auch aus Zweckmäßigkeitsgründen, um 
das Wesentliche gegenüber dem Zufälligen herauszuheben, also 
gerade in Ausübung der Herrschermacht des Geistes, wie es auch 
bei den Werken der Kunst der Fall ist. Man muß sie auf Grund 
gesehener wirklicher Objekte verstehen lernen, um diese selbst 
dann wieder verständnisvoller zu sehen. 
Zusammenfassend können wir sagen: wie auch immer die 
logischen Beziehungen der drei Begriffe zueinander fixiert werden 
mögen, so erfolgen doch die Orts-, Größen- und Gestaltbestim- 
Sturapf, Erkenntnislehre. Bä. II. 41
        

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