Bauhaus-Universität Weimar

2. Der Raum der klassischen Physik 
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findungen im allgemeinen ist unbestreitbar. Wissenschaftliche 
Gestalten existieren kraft ihrer Definition und ihrer Leistung für 
das Verständnis der Erscheinungen. 
Zwischen den drei obigen Raumprädikaten, die von den be¬ 
schreibenden Naturwissenschaften als unumgänglich notwendige 
Grundbegriffe aus der vulgären Weltanschauung übernommen 
werden, bestehen gewisse Abhängigkeits- und Unabhängigkeits¬ 
beziehungen. Ein Ding kann seinen Ort verändern, ohne daß 
seine Ausdehnung und seine Gestalt dadurch notwendig mit¬ 
verändert werden, es kann aber seine Ausdehnung und seine Ge¬ 
stalt nicht verändern, ohne daß seine Örtlichkeit wenigstens teil¬ 
weise mitverändert würde. Es kann ferner seine Ausdehnung 
verändern, ohne daß seine Gestalt eo ipso mitverändert würde, 
es kann aber nicht seine Gestalt verändern, ohne daß seine Aus¬ 
dehnung wenigstens teilweise (in Hinsicht gewisser Teile) mit¬ 
verändert würde. 
Diese Tatsachen führen zu der Frage, ob die drei Prädikate 
erkenntnistheoretisch zu koordinieren oder nicht vielmehr auf ein 
einziges Urprädikat zurückzuführen seien, ob nicht z. B. Aus¬ 
dehnung und Gestalt sich als Modifikationen des Ortsbegriffes 
darstellen ließen. Wir können aber diese schwierigen, mit der 
Grundlegung der Geometrie zusammenhängenden Fragen hier 
umgehen. Denn auch wenn beispielsweise Ausdehnung logisch 
einwandfrei definiert werden könnte als eine unendliche Menge 
von Punkten, und wenn Punkte real sein könnten: der Botaniker 
würde doch nicht dazu übergehen, die Größe und Gestalt einer 
Pflanze oder einer einzelnen Zelle mit den Ausdrücken und Be¬ 
griffen der Mengenlehre zu beschreiben. Immer werden die drei 
Raumprädikate gesondert und jedes nach seiner Weise untersucht 
und beschrieben werden. 
Für Ortsbestimmungen hat jede der Naturwissenschaften 
ihr besonderes System, der Astronom die Gradeinteilung des ge¬ 
stirnten Himmels, der Geograph die der Erdoberfläche usw., wo¬ 
bei natürlich alle diese Netze untereinander selbst in bestimmten 
Beziehungen stehen, die Ansprüche an Genauigkeit aber je nach 
den Umständen variieren. Dem Botaniker kann es gelegentlich 
genügen, etwa die Pyrenäen als Standort einer besonderen Spezies 
oder Varietät namhaft zu machen, dem Meteorologen, ein Tief¬ 
druckgebiet zu einer bestimmten Zeit über Südfrankreich zu 
konstatieren; und sie werden nach der Natur der Sache genauere
        

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