Bauhaus-Universität Weimar

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25. Die Hypothese der Außenwelt 
Wirklichkeit (ganz oder annähernd) decke, daß ein dem Vorge¬ 
stellten gleiches, fremdes Seelenleben wirklich existiere und zu 
existieren fortfahre bis an sein seliges Ende oder gar darüber hinaus, 
auch während wir momentan nicht daran denken. Liegt nun darin 
kein innerer Widerspruch, so liegt auch keiner in der Annahme einer 
physischen Außenwelt. 
Berkeley stützte seine Leugnung der körperlichen Außenwelt noch 
durch zwei andere Erwägungen, auf die wir hier nur ganz kurz eingehen: 
1. „Wir können Ausdehnung nur in untrennbarer Verbindung mit Farbe vor- 
stellen. Da man nun zugibt, daß Farben als solche nur subjektiv sind, so muß 
das nämliche für die Ausdehnung gelten.“ 2. „Jeder Körper wird in einer 
gewissen Entfernung lokalisiert. Entfernung kann aber nicht gesehen 
werden, da bei der Projektion auf die Netzhaut alle Entfernungsunterschiede 
verschwinden. Eine Außenwelt ohne Entfernungen der Körper vonein¬ 
ander und von uns ist aber keine Außenwelt1.“ 
Durch die in diesen Argumenten angeführten Beobachtungen hat 
Berkeley der Psychologie starke Anregungen gegeben. Die unter 1 ange¬ 
führte Tatsache bildet heute noch die Hauptstütze der von Helmholtz so 
genannten nativistischen Theorie der Raumwahrnehmung; die unter 2 an¬ 
geführte wurde der Ausgangspunkt der empiristischen Theorie. Aber durch 
keine von beiden wird der Behauptung einer materiellen Außenwelt der 
Boden entzogen. Aus der unter 1 angeführten Tatsache folgt nur, daß der 
Raum so, wie wir ihn aus der Gesichtswahrnehmung kennen und anschaulich 
vorstellen, nicht objektiv sein kann, nicht aber, daß es überhaupt keine 
materielle Außenwelt geben könne. Auch die im zweiten Argument ange¬ 
führte Tatsache beweist nicht, was sie beweisen soll. Berkeley übersieht, 
daß durch das Zusammenwirken beider Augen und die „ Querdispaiation“ 
der beiden Netzhautbilder ein physiologischer Reizzustand zu den von außen 
kommenden Reizen hinzugefügt wird, als dessen Folge das Reliefsehen im 
Bewußtsein auf tritt. Damit ist wenigstens die Grundlage und Wurzel unserer 
EntfernungsVorstellung gegeben. 
Auch bei Fichte spielt übrigens eine Theorie der Gesichtswahrneh¬ 
mungen eine Rolle in der Erkenntnislehre — freilich eine ganz verkehrte 
Theorie. Er meint, daß die gesehenen Farben uns zunächst nur punktuell 
gegeben seien und erst vermittels einer Geistestätigkeit räumlich ausge¬ 
breitet erschienen, was heute keiner Widerlegung mehr bedarf. 
Wir werden von diesem Begriff einer mit unseren Sinnes¬ 
empfindungen zwar nicht identischen, aber ihnen gleichen Außen- 
1 Die Unmöglichkeit einer Entfernungswahrnehmung bespricht Ber¬ 
keley in der berühmten „Theory of Vision“, die 1709, ein Jahr vor seinen 
„Principles of Knowledge“, erschienen ist. Er hat diesen Nachweis sicherlich 
schon im Hinblick auf die darauf folgende erkenntnistheoretische Konse¬ 
quenz geführt. Den Gedanken, der ihn dabei leitete, haben wir als zweite 
Prämisse ausgesprochen und damit den Schluß in seinem Sinne vervoll¬ 
ständigt.
        

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