Bauhaus-Universität Weimar

544 § 24. Mittelbare Erkenntnis durch Induktion (Theorie der Induktion) 
zur Verfügung. Es handelt sich fast immer nur um Schätzungen, 
die denn auch in der Schlußfolgerung zu Ausdrücken wie „wahr¬ 
scheinlich, höchst wahrscheinlich, so gut wie sicher“ führen. Aber 
wer durchaus rechnen will, mag auch zahlenmäßige Bestimmungen, 
deren er sich als willkürlicher bewußt bleiben muß, dafür einsetzen. 
Sehr wichtig ist es, sich der mannigfachen Vorbehalte, sozu¬ 
sagen der Mentalrestriktionen zu erinnern, die in gewöhnlichen 
Schlüssen dieser Art enthalten sind. Der Erkenntnistheoretiker 
muß sie ans Licht ziehen, um die Struktur und die Rechtfertigungs- 
gründe dieser Erkenntnisweise vollständig zu durchschauen. Wir 
wollen sie für die beiden oben formulierten Prämissen einzeln 
besprechen. 
Die erste Prämisse spricht von Tatsachen. Sind dies, wie 
in den meisten Fällen Tatsachen der Außenwelt, so liegt ihrer An¬ 
erkennung das Vertrauen auf die betreffenden Sinneswahrnehmun¬ 
gen und ihre Aussagen über eine reale Außenwelt zugrunde. Wir 
werden noch dartun, daß und warum der natürliche Mensch in 
seinem Recht ist, wenn er an die Realität einer Außenwelt, sowohl 
einer physischen wie einer psychischen, glaubt, obgleich die Wahr¬ 
heit dieser Annahme für den wissenschaftlichen Menschen erst 
bewiesen werden muß und im einzelnen eine Menge falscher Vor¬ 
stellungen in der Deutung der Sinneserscheinungen mitunter¬ 
laufen. Im allgemeinen bildet diese Mentalrestriktion kein Hinder¬ 
nis für die logische Kraft des Induktionsschlusses. Wie man im 
einzelnen sich der erforderlichen Tatsachen versichert, hängt von 
den Umständen des besonderen Falles ab. 
Für den Schluß aus Übereinstimmungen kommt es auf die 
Genauigkeit und die Zahl der Übereinstimmungen an. Der 
Genauigkeitsgrad gibt natürlich in erster Linie den Ausschlag, 
wenn Maßbestimmungen angegeben werden, wovon näher bei der 
„abgekürzten Kausalinduktion“ gesprochen werden soll. Was die 
Zahl der Übereinstimmungen betrifft, so ist eine ausnahmslose 
Übereinstimmung aller Fälle für diesen Schluß in seiner allge¬ 
meinsten Form nicht unbedingt erforderlich. Wenn auch nur 
bedeutend mehr Übereinstimmungen als Ausnahmen konstatiert 
werden, so kann schon mit einiger Wahrscheinlichkeit auf die 
Geltung irgendeines darauf bezüglichen Gesetzes geschlossen 
werden, nur seine exakte Formulierung muß dahingestellt bleiben. 
So kommt es vor, daß ein Stich in die Haut einmal keine Schmerzen 
macht, wenn nämlich die Haut experimentell oder durch einen
        

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