Bauhaus-Universität Weimar

Die Gesetze des Strebens. 
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Nur das für mich objektiv Mögliche ist möglicher Gegen¬ 
stand eines subjektiven Strebens. 
Dieser Satz wird Manchem sonderbar erscheinen. Aber er 
ergibt sich nicht nur aus unseren Voraussetzungen, sondern trifft 
auch mit der Erfahrung überein. Er muss nur richtig verstanden 
werden. 
Zunächst ist durch diesen Satz nicht ausgeschlossen, sondern 
eingeschlossen, dass Beliebiges, das nicht nur an sich unwirk¬ 
lich und unmöglich, sondern mir auch als solches bekannt 
ist, Gegenstand meines Strebens werden kann, wenn ich 
von seiner Unwirklichkeit oder meinen Gründen für dieselbe 
abstrahiere. Dadurch wird eben das Nichtwirkliche für mich zu 
einem möglicherweise Wirklichen. Ich betrachte es, wenn auch 
nur versuchsweise, als solches. Ich setze durch mein Abstrahieren 
die „objektiven Gegentendenzen“ ausser Wirkung. 
Dass solche Abstraktion die Voraussetzung des Strebens nach 
dem als unwirklich Erkannten ist, sagt uns schon der auch sonst 
oft lehrreiche Sprachgebrauch. Ich kann sagen, ich wünsche, 
dass es morgen „regnet“, da in diesem Falle das Gewünschte 
für mich möglich, d. h. da der Eintritt des Regens denkbar ist. 
Ich könnte dagegen nicht mehr so sagen, wenn ich mit absoluter 
Sicherheit wüsste, dass es morgen schönes Wetter sein wird. So 
sage ich des Abends nicht, ich wünsche, dass jetzt der Tag „be¬ 
ginnt“. Ich kann nur sagen, ich „w ü n s c h t e“ oder „w o 111 e“, 
dass er „begänne“. Durch diese sprachliche Form ist das 
Streben als ein lediglich hypothetisches gekennzeichnet, d. h. es 
ist gekennzeichnet als bedingt durch die Abstraktion von dem 
bekannten Sachverhalt und damit von der erkannten Unmöglich¬ 
keit, dass das Erstrebte sich verwirkliche. Es ist gekennzeichnet 
als ein Streben, das in mir besteht und bestehen kann, nur weil 
und solange ich die Möglichkeit des Erstrebten versuchsweise 
annehme. Und dies time ich eben, indem ich von seiner Unmög¬ 
lichkeit abstrahiere. Die „Annahme“, um die es sich hier handelt, 
besteht in nichts Anderem, als in der Abstraktion von der 
Thatsache, dass jetzt die Nacht beginnt, allgemeiner gesagt in 
der Abstraktion von dem gegenwärtigen, der Verwirklichung des 
Erstrebten gegenüberstehenden und sie verneinenden Sachverhalt.
        

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