Bauhaus-Universität Weimar

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IX. Kapitel. 
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setz des Wollens seine Modifikationen oder Korrekturen erfährt. 
Und daraus kann dann die Notwendigkeit der Korrektur der zu¬ 
nächst „für mich unbedingten“ Forderung sich ergeben. 
Hiermit ist nun aber zugleich gesagt, wann diese Gefahr 
nicht mehr besteht. Nämlich in dem idealen Falle, wenn das Ge¬ 
setz des Ich keine Korrektur mehr erfahren kann, d. h. wenn 
ich alle Erfahrungen, die mein Wollen zu bestimmen vermögen, 
gemacht und zur vollen Wirkung in mir habe kommen lassen, 
und wenn zugleich alle diese möglichen Wollungen sich verein- 
heitlicht und zu einem sie alle umschliessenden Gesetze verdichtet 
haben. 
Dabei ist noch besonders zu berücksichtigen: Zu diesen 
Wollungen gehören nach vorhin Gesagtem auch die Wünsche und 
Wollungen Anderer, da sie ja alle zu meinen eigenen Wollungen 
werden können. Es gehören dazu alle Bedürfnisse, Sorgen, Nöten, . 
Befürchtungen, Hoffnungen Anderer, sofern daraus ein Wünschen 
oder Wollen dieser Anderen und damit zugleich meiner selbst 
wTerden kann. 
Das schliessliche ideale Ergebnis solcher Vereinheitlichung 
wäre das absolute Gesetz des Wollens oder ein Ich, das dies Ge¬ 
setz absolut in sich verwirklicht. Aus den Persönlichkeiten der 
verschiedenen Momente meines Daseins, und den Persönlichkeiten 
ausser mir, wäre jetzt die Persönlichkeit oder der Mensch 
geworden. So wird auch aus der Vereinheitlichung aller That- 
sachen der Natur für mich das Naturgesetz oder ..die Natur“. 
Und die Forderungen nun dieses „idealen Ich“ oder des Ge¬ 
setzes desselben sind das endgiltige Sollen. Dies endgiltige 
Sollen ist das sittliche Sollen, seine Verwirklichung die Sittlich¬ 
keit. Das ideale Ich selbst, oder die Persönlichkeit, d e r Mensch, 
das ist der sittliche Mensch. Es ist nichts Anderes als der ganze 
Mensch. 
Und die Gefühle nun des Widerspruchs eines gegenwärtigen 
thatsächlichen Wollens mit den Forderungen dieser Persönlichkeit 
oder des „idealen Ich“ sind die endgiltigen oder „ethischen“ Ge¬ 
fühle der Selbstverneinung oder Beschämung, kurz der ver¬ 
minderten Selbstachtung. Umgekehrt ist das Gefühl der 
Einstimmigkeit meines gegenwärtigen Wollens oder meiner gegen-
        

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