Bauhaus-Universität Weimar

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VI. Kapitel. 
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Sorptionstendenz: Jeder fertige psychische Vorgang unterliegt 
mehr oder minder einer Tendenz, durch das gleichzeitige psychische 
Geschehen absorbiert zu werden, oder darin sich zu „ver¬ 
lieren“. Diese beiden Tendenzen wirken nicht nur ein¬ 
ander entgegen, sondern sie heben sich auch wechselseitig auf, 
d. h. je grösser die eine ist, um so geringer wird ebendamit die 
andere. 
Die in ihrer Verwirklichung gehemmte Tendenz des natür¬ 
lichen Ablaufes eines Vorganges nun schliesst als solche, d. h. 
vermöge der Hemmung, eine spezifische aktive Absorptionstendenz, 
d. h. eine spezifische Tendenz, die seelische Kraft in sich zu kon¬ 
zentrieren, in sich. Dieselbe ist um so grösser, je grösser die 
Energie des. Strebens ist, und je wirksamer die Hemmung ist. 
Daraus ergibt sich nach dem soeben Gesagten eine entsprechende 
Aufhebung der passiven Absorptionstendenz und daraus wiederum 
eine entsprechende Steigerung der aktiven Tendenz der Absorption. 
D. h. die psychische Kraft konzentriert sich auf das Streben oder 
auf den Vorgang, in dessen Dasein und Wirkung das Streben be¬ 
steht. Dies ist der Sinn der „Stauung“. 
Diese Stauung wächst, wie gesagt, auch mit der Grösse der 
zu überwindenden Hemmung, d. h. die Hemmung oder das zu 
überwindende Hindernis lässt das Streben intensiver werden. 
Doch geschieht dies nur innerhalb gewisser Grenzen. Je mehr 
das Streben als solches, also unbefriedigt, bestehen bleibt, um so 
mehr unterliegt es dem neuen Gesetze, dass jedes dauernd sich 
gleich bleibende psychische Geschehen Gegenstand einer successive 
wachsenden passiven Absorptionstendenz wird. D. h. jedes Streben, 
das sich nicht erfüllt, erlahmt. Und es muss um so rascher 
erlahmen, je schwächer es ist, je weniger also die aktive Absorp¬ 
tionstendenz an sich der passiven überlegen ist. 
Dazu kommt, dass die Steigerung des Strebens durch die 
Stauung zugleich die Fähigkeit des Hemmnisses, die Auf¬ 
merksamkeit auf sich zu ziehen, erhöht. Und daraus ergibt 
sich die doppelte Möglichkeit: Die Hemmung bestehe in einer 
wahrgenommenen oder vorgestellten Thatsache, deren Stattfinden 
die Erreichbarkeit des Zieles bedroht oder die Wahrscheinlichkeit, 
dass es erreicht werde, vermindert. Dann ist die Vergegen-
        

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