Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber Gemüthsbewegungen. Eine psycho-physiologische Studie
Person:
Lange, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39739/60/
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wird durch die persönliche Erfahrung bestimmt widerlegt, 
da man beim Schreck, wie bei jeder Gemüthsbewegung, 
eine ganz deutliche Empfindung hat von einer eigentüm¬ 
lichen Veränderung, einem bestimmten Zustande in der 
Seele, ganz unabhängig von allem Körperlichen. Ich be¬ 
greife wohl, dass dieser Einwand für die Meisten eine sehr 
grosse Bedeutung haben und schwer zu überwinden sein 
wird; und doch hat er selbstverständlich an und für sich 
nicht den geringsten Werth, so wahr wir absolut kein 
unmittelbares Unterscheidungsmittel dafür haben, ob eine 
Empfindung geistiger oder körperlicher Natur ist, und 
überhaupt kein Mensch im Stande ist, einen Unterschied 
zwischen psychischen und somatischen Gefühlen anzugeben. 
Wer eine Empfindung der Seele zuschreibt, tliut es in der 
That nur auf Grund einer Theorie, nicht auf Grund der 
unmittelbaren Wahrnehmung. Ich zweifle nicht daran, dass 
die Mutter, die über ihr todtes Kind trauert, sich sträuben, 
ja vielleicht sich entrüsten wird, wenn man ihr sagt, dass, 
was sie fühlt, — die Müdigkeit und Schlaffheit ihrer 
Muskeln, die Kälte ihrer blutleeren Haut, der Mangel 
ihres Gehirns an Kraft zu klarem und schnellem Denken*) 
ist — alles erhellt von der Vorstellung der Ursache dieser 
Phänomene. Aber es ist kein Grund entrüstet zu sein; 
denn ihr Gefühl ist ebenso stark, so tief und rein, ob es 
aus der einen oder der andern Quelle stammt. Aber es 
kann ohne seine körperlichen Attribute nicht existiren. 
*) Ich will mich nicht dabei aufhalten, dass man mir vielleicht 
entgegenhalten wird, man könne rein „seelisch“ Kummer, Freude etc. 
empfinden, wenn der Affect nicht stark genug ist, um zu körperlichen 
Symptomen zu führen. Eine derartige Annahme beruht natürlich nur 
auf unvollständiger Beobachtung, oder darauf, dass man rein subjective 
Empfindungen — die der Leichtheit oder des Drucks, der Stärke oder 
Schwäche — als psychisch ansieht.
        

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