Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wer ist musikalisch? Gedanken zur Psychologie der Tonkunst
Person:
Kries, Johannes von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39735/97/
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Die Umwertung der Musik. 
in späterer Zeit als überaus großer Fortschritt gewertet wird, 
ja vielleicht gerade solche am meisten, erfährt in der Regel 
zuerst, schärfste Ablehnung. Jedermann weiß, wie nicht nur 
die Werke von Richard Wagner, Brahms, Reger, sondern 
auch die von Schumann, Beethoven und Mozart ein 
solches Stadium durchzumachen hatten. Ob nun eine neu¬ 
artige Musik nach längerer oder kürzerer Zeit, in größerem 
oder geringerem Umfange sich durchsetzt und Anerkennung 
findet, das wird hauptsächlich von zwei Umständen abhängen. 
Einesteils nämlich wird es auf die Natur der betreffenden 
Umwertung ankommen. Sie kann, wie schon gesagt, eine 
tiefer oder weniger tief greifende sein, und danach wird es 
vor allem sich bestimmen, ob sie früher oder später, schon 
nach wenig oft oder erst nach vielmals wiederholtem Hören, 
bei einem größeren oder kleineren Hörerkreise sich einstellt. 
Außerdem spielen aber doch mehr äußerliche Verhältnisse 
eine große Rolle. Befreundet sich zunächst eine kleine Zahl 
von Berufsmusikern mit einer neuen Art von Musik, so kann 
das dazu führen, daß diese auch in größerem Umfange dem 
Publikum mit dem Anspruch auf Beachtung vorgeführt 
wird, und allmählich auch in weiten und weiteren Kreisen 
Anklang findet. Es ist bekannt, wieviel es für die Popula¬ 
risierung der Brahms sehen Kompositionen bedeutet hat, daß 
Bülow mit der ganzen Wucht und Energie seiner Persönlich¬ 
keit sich für sie einsetzte. Solche Bedingungen werden nicht 
überall gegeben sein. Und sicher kann es, wo sie fehlen, auch 
dazu kommen, daß die Werke eines Tondichters unbeachtet 
bleiben und der Vergessenheit anheimfallen, Werke, die 
unter günstigeren äußeren Bedingungen im weiteren Publi¬ 
kum viel Beachtung und Anklang hätten finden können. 
Ich erwähne noch einige Punkte, die für das Platzgreifen 
einer „Umwertung“ in weiteren Kreisen von Bedeutung 
sind. In den meisten Fällen besteht die Umwertung ja darin, 
daß eine neue Art von Musik bei wiederholtem Hören all¬ 
mählich mehr und mehr auf uns wirkt, daß wir, anfänglich 
verständnislos ihr gegenüberstehend, ein zunehmendes Wohl-
        

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