Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wer ist musikalisch? Gedanken zur Psychologie der Tonkunst
Person:
Kries, Johannes von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39735/95/
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Die Umwertung der Musik. 
nur dann als beachtenswert festhalt en, wenn ihr gewisse 
Gefühlswerte schon zukommen. Der Zusammenhang zwischen 
Musik und Gefühlen, dessen Entstehung wir erklären wollen, 
scheintalso der Erfindung schon vor aus geh en zu müssen. In¬ 
dessen ist doch der Vorgang der Produktion, namentlich bei den 
großen Tondichtern, sicher ein anderer. Er besteht darin, 
daß die herkömmlichen und bekannten Formen dem Künstler 
nicht genügen, daß sie ihm für das, was sein Gemüt bewegt, 
als kein angemessener, kein befriedigender Ausdruck er¬ 
scheinen, daß er neue, diese Ansprüche erfüllende Gebilde 
in angestrengter und ausdauernder Bemühung sucht, bis 
er das ihm Genügende gefunden, richtiger gesagt, bis er es 
ip wiederholter Umgestaltung erzeugt und erschaffen hat. 
So schreitet denn nie Entwicklung und Bereicherung der 
der Musik eigenen Gefühlsverknüpfungen in untrennbarem 
Zusammenhänge mit der musikalischen Erfindung fort. Die 
„Umwertung“ vollzieht sich zunächst in der Seele des schaf¬ 
fenden Künstlers. Das produktive Schaffen erscheint recht 
eigentlich als das Vehikel, von dem die Wandlungen des 
musikalischen Geschmackes getragen werden. —Es erklärt sich 
aber hieiaus auch, daß die Umwertung ganz vorzugsweise 
in der Erzeugung neuer Gebilde besteht, welche als musi¬ 
kalisch wohlgefällig empfunden werden. Der Kreis des musi¬ 
kalisch Schönen erfährt eine fortdauernde Erweiterung. 
Aber die Wandlung beschränkt sich nicht hierauf. Sie be¬ 
steht nicht nur darin, daß bestimmte Gefühlserfolge an 
andere musikalische Gebilde als vordem geknüpft werden. 
Neue seelische Erregungen, in denen die reine* musikalische 
Schönheit mit schönheitsfremden Gefühlen in einer vordem 
nicht bekannten Weise vereinigt sind, suchen und finden 
ihren Ausdruck. Man könnte vielleicht behaupten, daß 
Gefühle von der Tiefe und Mannigfaltigkeit der anklingenden 
Emotionen, von der eigenartigen Färbung der musikalischen 
Schönheit, wie sie z. B. Beethoven und Brahms zuerst 
selbst empfunden, dann durch ihre Kompositionen in vielen 
anderen erregt haben, niemals zuvor von irgend jemand erlebt
        

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