Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wer ist musikalisch? Gedanken zur Psychologie der Tonkunst
Person:
Kries, Johannes von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39735/92/
Wiederholtes Erleben. 
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wiederholten Malen, so wird bald ein psychologischer Zu¬ 
stand eintreten, vermöge dessen jedesmal, wenn die be¬ 
treffende oder eine ähnliche Musik gehört wird, eine gefühls¬ 
mäßige Affektion, evtl, auch in stärkerer und deutlicherer 
Ausprägung stattfindet. Diese Umstände sind von um so 
größerer Bedeutung, als die Gefühls Verbindungen, die wir als 
Grundlagen oder Ausgangspunkte der weiteren Entwicklung 
kennen lernten, ja besonders häufig nur in einem leisen An¬ 
klingen, in einer Disposition, einer Einstellung be¬ 
stehen. Dieses gibt nun den weitesten Abstufungen Raum, 
und nach häufiger Wiederholung wird dies Anklingen als 
ein lebhafteres, deutlicher zum Bewußtsein gelangendes, 
gegeben sein. Aber auch die einfache Intensitätssteigerung 
der hervorgerufenen Gefühle wird, wenigstens teilweise, 
hierher zu rechnen sein. Bei denjenigen, die sich andauernd 
mit Musik beschäftigen, steigert sich sicherlich der Eindruck 
der musikalischen Schönheit. Während zunächst nur ein 
leichtes Wohlgefallen empfunden wurde, kann so der Ge¬ 
fühlserfolg der Musik zu einem höchsten Grade des Ent¬ 
zückens werden. Wir werden später sehen, daß an dieser 
Wandlung zwar sehr viele und verschiedenartige Faktoren 
beteiligt sein können ; gewiß ist sie aber großenteils auf eine 
gesteigerte Wirksamkeit zu beziehen, die die Folge eines 
wiederholten Erlebens ist. 
Der Erfolg eines solchen braucht nun aber nicht allein 
in der Sicherung und Befestigung eines ganz bestimmten 
allemal gleichen Zusammenhanges zwischen akustischen 
Empfindungen und gefühlsmäßigen Emotionen zu bestehen. 
Im allgemeinen wird hierbei zugleich eine Erscheinung ein¬ 
treten, die ich, im Anschluß an einen bei anderer Gelegenheit 
benutzten Ausdruck1), eine Expansion der Zusammen¬ 
hänge nennen möchte. Ist die Empfindung A mit dem emotio¬ 
nellen Zustande E verknüpft, so wird es vielfach dahin kom- 
l) v. Kries: Vom Komischen und vom Lachen. Archiv für 
Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Bd. 74. S. 241. 1925. (Hoche- 
Festschrift). 
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