Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wer ist musikalisch? Gedanken zur Psychologie der Tonkunst
Person:
Kries, Johannes von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39735/49/
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Intellektuelle Verarbeitung des Gehörten. 
ohne Benutzung der Partitur aus dem Gedächtnis leiten, 
so haben diese Leistungen selbst für denjenigen etwas Ver¬ 
blüffendes, der sich in dieser Hinsicht einer mittleren Begabung 
erfreut und etwa eine BEETHOVENSche Klaviersonate ohne 
Noten zu spielen vermag. — Bemerkenswert ist dabei auch 
die Leichtigkeit und Geschwindigkeit, mit der die Aufnahme 
ins Gedächtnis, das Behalten stattfindet. Für die Minder-^ 
begabten ist die ,,mater studiorum“, die repetitio uner¬ 
läßlich. Die auswendige Beherrschung tritt dann nach 
längerer und wiederholter Beschäftigung mit einem Stücke, 
etwa zum Zwecke technischen Studiums, von selbst ein, oder 
wird sogar erst durch besonders darauf gerichtete Bemühung 
erreicht, das Stück muß auswendig gelernt werden. Für die 
hervorragenden Talente genügt es, ein Stück nur ein oder 
wenige Male gehört, ja selbst nur in Noten gelesen zu haben, 
UTi es dem Gedächtnis sicher einzuprägen. 
In engem Zusammenhänge mit dem bisher Betrachteten 
steht noch ein Weiteres, Von dem musikalischen Gedächtnis 
im gewöhnlichen Sinne, also der Fähigkeit, gehörte Ton¬ 
folgen in der Vorstellung zu reproduzieren oder auch aus¬ 
führend zu Gehör zu bringen, können wir noch die Genauig¬ 
keiten! Deutlichkeit der Erinnerungsbilder unterscheiden. 
Es ist ein großer Unterschied, ob diese den verschwom¬ 
menen Charakter besitzen, bei dem eine Menge von mehr 
oder weniger Ähnlichem zusammengeworfen wird, oder ob 
sie das einzelne in seiner vollen individuellen Ge¬ 
staltung auf weisen, ob also z. B. die Klänge der verschiedenen 
Instrumente, die feineren Details der Stärke und Tempo¬ 
verhältnisse in der Erinnerung ausgeprägt sind. Gerade diese 
Deutlichkeit, die Fülle der Einzelheiten ist es, was bei dem 
musikalischen Vorstellen der hervorragend Begabten unsere 
Bewunderung erregt. Auf ihr beruht es, daß solche Personen 
beim Lesen einer Partitur sich ein so eindrucksvolles und 
wirksames Bild von dem Klange des betreffenden Musik¬ 
stückes machen können, daß es fast in jeder Hinsicht das 
wirkliche Hören zu ersetzen geeignet ist. So genügt, wie er-
        

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