Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wer ist musikalisch? Gedanken zur Psychologie der Tonkunst
Person:
Kries, Johannes von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39735/158/
Das Dirigieren. 
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hier Gewandtheit des Lesens und Schnelligkeit des Über¬ 
blicks unentbehrlich sind. Als Ersatz oder Unterstützung 
des Lesens kommt das Erraten wohl auch in Betracht; 
doch spielt es eine größere Rolle wohl nur in den nicht häufigen 
Fällen, daß vom Blatt (prima vista) dirigiert wird. Weit 
mehr kann das Lesen an Bedeutung zurücktreten, wenn dem 
Dirigenten die Partitur schon bekannt ist. Die Ausschaltung 
der optischen Funktion wird eine vollständige, wenn aus¬ 
wendig dirigiert wird, eine Leistung, der wir bei einigen 
Musikern begegnen und die wir als Zeichen eines ganz be¬ 
sonders hervorragenden Gedächtnisses bewundern. All¬ 
gemein aber wird man sagen dürfen, daß der Anspruch an 
das Lesen um so mehr erleichtert wird, je besser das Ge¬ 
dächtnis ist. 
Es bleibt uns übrig, von der motorischen Seite der uns 
beschäftigenden Tätigkeit zu reden, dem eigentlichen „Diri- 
gieren“. Es ist hinlänglich bekannt, daß wir hier den aller¬ 
größten individuellen Unterschieden der einzelnen Dirigenten 
begegnen. Der eine leitet sein Orchester mit kleinen, wenig 
auffälligen Bewegungen, die fast ausschließlich die Hände 
und Arme betreffen. Bei anderen ist der ganze Körper in 
lebhaftester Bewegung. Auch ist die Art der Bewegungen 
nur in sehr beschränkter Weise durch bestimmte Vorschrift 
und Überlieferung festgelegt, die Art, wie der Takt angegeben, 
die Einsätze der einzelnen Instrumente angedeutet werden. 
Alles übrige ist der Willkür des einzelnen Dirigenten anheim¬ 
gegeben. Zum großen Teil handelt es sich ohne Zweifel im 
physiologischen Sinne um A u s d r ne k s b e w e g un g e n, in 
denen das eigene musikalische Empfinden des Dirigenten 
unwillkürlich zur Erscheinung kommt, die aber die von ihm 
geleiteten Musiker doch wie eine Sprache zu verstehen lernen. 
Interessant und belehrend ist, was über die Dirigententätig¬ 
keit Beethovens überliefert ist. „Das Diminuendo ^pflegte er 
dadurch zu markieren, daß er immer kleiner wurde und beim 
Pianissimo sozusagen unter das Taktierpult schlüpfte. Sowie 
die Tonmassen anschwollen, wuchs auch er wie aus einer Ver-
        

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