Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wer ist musikalisch? Gedanken zur Psychologie der Tonkunst
Person:
Kries, Johannes von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39735/139/
Igo Zur Psychologie einzelner musikalischer Betätigungen. 
vorausgesetzt, daß das Stück dem Spielenden vollkommen 
bekannt ist und von ihm technisch beherrscht wird. — Es 
verdient zunächst Beachtung, in welchem Maße die schöpfe¬ 
rische, frei gestaltende Phantasie hierbei beteiligt ist. Durch 
die übliche Festlegung in Noten, durch Tempo- und Vortrags¬ 
bezeichnungen ist nur ein weiter Rahmen gegeben, innerhalb 
dessen sehr verschiedene Gestaltungen möglich und zulässig 
sind. Bülow hat einmal gesagt, bei den an den Vortrag zu 
stellenden Anforderungen seien drei Stufen zu unterscheiden : 
i. korrekt, 2. schön, 3. interessant. Nur die Forderung der 
untersten Stufe, das „korrekt“, kann ohne die Mitwirkung 
der selbstschaff enden Einbildungskraft erfüllt werden. Jeder¬ 
mann weiß ja auch, wie ein Stück, das uns aus dem Vortrage 
mäßig begabter Dilettanten wohl bekannt ist, selbst wenn 
diese fehlerfrei, „korrekt“ spielen, uns als etwas ganz anderes 
entgegentritt, wenn wir es von einem großen und bedeutenden 
Spieler hören1); aber auch unter der Hand verschiedener 
berufsmäßiger Künstler, deren keiner dem anderen ohne 
weiteres voranzustellen ist, kann es sozusagen ein ganz ver¬ 
schiedenes Gesicht gewinnen. — Erwägen wir, wieweit und 
in welchen Hinsichten ein musikalisches Gebilde durch die 
schriftliche Aufzeichnung überhaupt zu fixieren ist, so sehen 
wir, daß dies in bezug auf die zeitlichen Verhältnisse 
und auf die Tonhöhen derFall ist. Die einen sind durch die 
Zeitwerte der Noten (als Viertel, Achtel usw.), die anderen 
durch die Bedeutung der Noten (als c, f, g, usw.) fest¬ 
gelegt. Aber schon bezüglich der Zeitwerte müssen wir be¬ 
achten, daß nur die relativen Werte, das Zeitverhältnis 
der einzelnen Töne zueinander, durch die Notensymbole 
gegeben ist. Das Tempo, welches außerdem noch angegeben 
1) Ein sehr musikalischer Geiger, der lange Zeit in Dilettanten¬ 
kreisen im Streichquartett gespielt hatte, hatte zum ersten Male 
in seinem Leben Gelegenheit, ein Konzert des JOACHIM-Quartetts 
zu hören, in dem auch ein ihm längst bekanntes Werk von Haydn 
gespielt wurde. In schöner Begeisterung und sehr zutreffend sagte er, 
es sei ihm zu Sinn gewesen, als ob er noch nie in seinem Leben ein 
Haydn sches Quartett gehört hätte.
        

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