Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wer ist musikalisch? Gedanken zur Psychologie der Tonkunst
Person:
Kries, Johannes von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39735/106/
Verständnisvolles Hören. 
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musikalischen Geschmacks seien indessen hier noch einige 
Bemerkungen gestattet. Wir sind gewohnt, die anfängliche 
Ablehnung einer später hochgeschätzten Musik als „Mangel 
an Verständnis" zu bezeichnen. Und namentlich die 
beteiligten Musiker pflegen hierin ein Zeichen beklagens¬ 
werter, vielfach sogar verächtlicher Beschränktheit zu er¬ 
blicken. Nur kleinen Teils kann dies als ganz zutreffend an¬ 
erkannt werden; nur für die zuletzt besprochenen, rein 
intellektuellen Faktoren, die Mitwirkung von Gedächtnis 
und Phantasie, gilt es, daß ihr Fehlen als positiver Mangel, 
ihre Erwerbung als Gewinnung eines Verständnisses bezeich¬ 
net werden darf. Hier handelt es sich denn auch um eine 
Ausbildung, auf die bei guter Anlage und genügendem 
Studium immer zu rechnen sein wird. Ganz anders aber 
liegen die Dinge für diejenigen Umstände, die an dem Wandel 
des musikalischen Geschmacks den Hauptanteil haben, die 
eigentlichen „Umwertungen“ der Musik, die Änderungen 
in dem Zusammenhänge von akustischen Eindrücken und 
Gefühlen der verschiedensten Art, vor allem dem Gefühl 
musikalischer Schönheit. Der Wandel, der sich hier vollzieht, 
ist gar nicht als die Gewinnung eines Verständnisses zu be¬ 
zeichnen. Wir werden ihn richtiger eine musikalische 
Erziehung nennen, die unsere Art, von der Musik beein¬ 
flußt zu werden, mehr oder weniger verändert. Wir müssen 
aber weiter beachten, daß es sich dabei nicht um die ue- 
winnung von Empfänglichkeit für etwas schlechthin und 
im absoluten Sinne Wertvolles handelt. Die Einstellung 
jenes Zusammenhanges zwischen Musik und Gefühlsleben 
kann eine sehr verschiedene sein, ohne daß wir die eine als die 
unbedingt richtige oder auch nur als die bessere im Vergleich 
zu einer anderen in Anspruch nehmen dürften. Eine Ände¬ 
rung in dieser Hinsicht ist daher auch stets nur von bedingtem 
Wert, und wer sich ihr versagt, hält an einer Einstellung des 
musikalischen Geschmacks fest, die an sich nicht weniger 
berechtigt ist als die veränderte, zu der andere, sich um¬ 
stellend, gelangen. — Richtig ist, daß im allgemeinen die 
v. Kries, Wer ist musikalisch? 7
        

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