Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren
Person:
Darwin, Charles
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39733/347/
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Ausdruck der Schüchternheit. 
Cap. 18. 
ein junger Mann, ein wohlhabender Herzog, mit dem er als ärzt¬ 
licher Begleiter gereist war, wie ein Mädchen erröthete, wenn er 
ihm sein Honorar bezahlte. Doch würde dieser junge Mann wahr¬ 
scheinlich nicht erröthet und schüchtern geworden sein, wenn er 
einem Kaufmanne seine Rechnung bezahlt hätte. Einige Personen 
sind indessen so empfindsam, dass der blosse Act des Sprechens 
beinahe mit Jedermann hinreichend ist, ihr Selbstbewusstsein zu 
erregen, und dann ist ein leichtes Erröthen das Resultat. 
Misbilligung oder Lächerlichmachen verursacht wegen unsrer 
Empfindlichkeit in diesem Punkte Schüchternheit und Erröthen 
viel leichter als Billigung, obgleich auch die letztere bei einigen 
Personen ausserordentlich wirksam ist. Der Eingebildete ist sel¬ 
ten schüchtern, denn er schätzt sich viel zu hoch, als dass er 
Geringschätzung erwarten könnte. Warum ein stolzer Mann häufig 
schüchtern ist, wie es der Fall zu sein scheint, liegt nicht so auf 
der Hand, wenn es nicht deshalb wäre, dass er mit all seinem 
Selbstvertrauen wirklich viel von der Meinung Andrer hält, ob¬ 
schon in einem geringschätzenden Sinne. Personen, welche äusserst 
scheu sind, sind selten in der Gegenwart derjenigen schüchtern, 
mit denen sie vollständig vertraut sind und von deren guter Mei¬ 
nung und Sympathie sie vollkommen versichert sind, so z. B. ein 
Mädchen in der Gegenwart ihrer Mutter. Ich habe es versäumt, 
in meinen gedruckten Fragebogen nachzuforschen, ob Schüchtern¬ 
heit bei den verschiedenen Menschenrassen entdeckt werden kann. 
Aber ein gebildeter Hindu versicherte Mr. Erskine , dass dieselbe 
bei seinen Landsleuten zu erkennen sei. 
Wie die Ableitung des Wortes in mehreren Sprachen an¬ 
deutet27 ist Schüchternheit oder Scheuheit mit Furcht nahe ver¬ 
wandt. Doch ist sie im gewöhnlichen Sinne von Furcht verschie¬ 
den. Ein schüchterner Mensch fürchtet ohne Zweifel die Beach¬ 
tung Fremder; man kann aber kaum sagen, dass er sich vor ihnen 
fürchtet. Er kann so kühn wie ein Held in der Schlacht sein, 
und doch hat er in der Gegenwart von Fremden kein Selbstver- 
H. Wedgwood, Diction. English Etymology, Yol. III. 1865, p. 184; 
dasselbe gilt für das lateinische y er ec un dus.
        

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