Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren
Person:
Darwin, Charles
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39733/346/
Cap. 13. Erröthen. — Schüchternheit. 337 
Personen gerichtete Blick die Überzeugung ihm wieder vor die 
Seele führt, dass er intensiv betrachtet wird. Und er versucht 
daher dadurch, dass er die gegenwärtigen Personen und beson- 
«• 
ders ihre Augen nicht ansieht, momentan dieser peinlichen Über¬ 
zeugung zu entgehen. 
Schüchternheit. — Dieser merkwürdige Seelenzustand, 
der häufig auch Blödigkeit oder falsche Scham oder mauvaise 
honte genannt wird, scheint eine der allerwirksamsten unter 
allen Ursachen des Erröthens zu sein. Es wird allerdings die 
Schüchternheit hauptsächlich durch die Böthung des Gesichts, 
durch das Wegwenden oder Niederschlagen der Augen und durch 
eigentümliche verkehrte nervöse Bewegungen des Körpers er¬ 
kannt. So manche Frau erröthet aus dieser Ursache vielleicht 
hundert oder tausendmal im Verhältnis zu einem Male, wo sie 
deshalb erröthet, dass sie irgend etwas gethan hat, was Scham 
verdient oder worüber sie sich wirklich schämt. Die Schüchtern¬ 
heit scheint von der Empfindlichkeit für die Meinung Andrer, 
mag dieselbe eine gute oder schlechte sein, abzuhängen und be¬ 
sonders in Bezug auf die äussere Erscheinung. Fremde wissen 
nichts von miserai Betragen oder unserm Charakter und kümmern 
sich auch nicht darum, aber sie können unsre Erscheinung kriti- 
siren und thun dies auch häufig. Daher sind schüchterne Per¬ 
sonen ganz besonders geneigt, in der Gegenwart von Fremden 
schüchtern zu werden und zu erröthen. Das Bewusstsein, irgend 
etwas Eigentümliches oder selbst nur Neues an der Kleidung zu 
haben oder irgend ein unbedeutender tadelnswerter Punkt an 
seiner Person und ganz besonders im Gesicht — Punkte, welche 
sehr leicht die Aufmerksamkeit Fremder auf sich lenken — macht 
den einmal schon Schüchternen ganz unerträglich schüchtern. Auf 
der andern Seite sind wir in denjenigen Fällen, in welchen es sich 
um unser Betragen und nicht um die persönliche Erscheinung 
handelt, viel mehr geneigt, in der Gegenwart von Bekannten schüch¬ 
tern zu werden, deren Urteil wir in einem gewissen Grade 
schätzen, als in der von Fremden. Ein Arzt erzählte mir, dass 
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Darwin, Ausdruck.
        

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