Bauhaus-Universität Weimar

Fünftes Kapitel: Die entwicklungsgefchichtliche Betrachtungsweife. 53 
den Anfpruch erheben darf, die äfthetifche Gefühlsweife, zu der fich 
die Kultur feiner Zeit in ihren reifften und höchftftehenden Vertretern 
entwickelt hat, auf ihre Normen zu bringen. 
Man darf fonach fagen: der Gegenftand der Äfthetik ift von 
vornherein entwicklungsgefchichtlich eingefchränkt. Die Auf¬ 
gabe der Äfthetik betrifft nur in gewiffen Teilen, vorzugsweife in den 
allgemeinften Zergliederungen und Normen, und nur annäherungs¬ 
weife das Allgemeinmenfchliche. Je mehr fich die Zergliederungen 
und Feftftellungen den befonderen Ausgeftaltungen des Äfthetifchen 
zuwenden, um fo weniger ift die Äfthetik von abfolutem Charakter 
(vgl. S. 25 f.), um fo mehr muß fie auf den Anfpruch der Allgemein¬ 
gültigkeit verzichten und ihre kulturgefchichtliche Bedingtheit 
eingeftehen. Gerade die moderne pfychologifche Äfthetik erkennt diefe 
kulturgefchichtliche Bedingtheit zuweilen nicht gebührend an. Sie 
möchte gern das äfthetifche Gefallen auf beftimmte einfachfte all¬ 
gemeingültige und „exakte“ Gefetze bringen.1) 
3. Noch in einer anderen Beziehung fällt der Gegenftand der Ined^j“®u* 
Äfthetik unter den Entwicklungsbegriff. Äfthetifches Fühlen, Urteilen, iungsge- 
Schaffen gehört überall auch einer individuell-menfchlichen Ent- fchichtiiche 
Einfchrän 
Wicklung an. Das äfthetifche Verhalten fängt fchon in früher Kindheit kungdesoe- 
an und erfährt dann mannigfaltige Steigerungen, Reinigungen, Ver-^^j^** 
feinerungen, Verwicklungen, bis es die Stufe der Reife erreicht. 
Ohne Zweifel ift es nun Hauptaufgabe der Äfthetik, nicht etwa 
das rohe, oberflächliche, ungeübte, vermifchende, einfeitige, fondern 
das vollentwickelte äfthetifche Verhalten in feinen Beftandteilen, 
Verknüpfungen und Forderungen kennen zu lernen. Ob dies jedem 
Äfthetiker gelingt, ift eine andere Frage; aber der Äfthetiker wird fich 
wenigftens vorfetzen, feine Normen und Ideale in Angemeffenheit zu 
dem ausgereiften äfthetifchen Fühlen aufzufteflen. Es wäre widerfinnig, 
wenn er die Erfordemiffe des Lyrifchen oder des Gefchichtsgemäldes 
oder des Oratoriums vom Standpunkte eines jugendlich unreifen oder 
bäurifch groben Gefchmackes auseinanderfetzen wollte. 
So hebt die Äfthetik nicht nur in menfchheitlich-, fondern 
auch in individuell-entwicklungsgefchichtlicher Hinficht eine be- 
*) So verlangt z. B. Külpe die „Aufftellung virtueller Gefetze, die das Ge¬ 
fallen und Mißfallen von ganz beltimmten einfachen Bedingungen funktionell ab¬ 
hängig machen“. So wird die Äfthetik eine „allgemeingtiltige Wiffenfchaft' werden 
(Göttingifche gelehrte Anzeigen 1902, Nr. 11, S. 913; in einer Befprechung von 
Groos „Der äfthetifche Genuß“).
        

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