Bauhaus-Universität Weimar

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Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
ein gewiffer Erfatz für die Gleichzeitigkeit, wie fie der Idealfall 
fordern würde. 
Das Betrachten von Werken der bildenden Kunft kann uns be- 
fonders deutlich zeigen, was ich meine. Vor einem Gemälde kann 
es gefchehen, daß fich während der Dauer des Betrachtens bald mehr 
das Anfchauen, bald mehr das Fühlen, bald mehr das Vorftellen 
geltend macht; daß jetzt mehr der bedeutungsvolle eigentliche Gehalt, 
dann mehr die den Farben innewohnenden fymbolifchen Stimmungen 
von uns betont werden; daß bald mehr die Einheit, bald mehr die 
Gliederung für uns hervortritt; daß fich uns die Willenlofigkeit des 
Betrachtens in verfchiedenen Augenblicken verfchieden ftark zum 
Bewußtfein bringt; daß fich die äfthetifchen Richtungen der Illufion 
für unfer Bewußtfein auf verfchiedene Zeitpunkte verteilen. Will man 
dem äfthetifchen Wert eines derartigen Betrachtens gerecht werden, 
fc muß man all die verfchiedenen zeitlich auseinandergezogenen, aber 
im Idealfall als gleichzeitig angenommenen Züge zufammenfaffen und 
als fich wechfelfeitig ergänzend anfehen. 
Ein folcher zeitlich auseinandergezogener Erfatz findet, wenn 
auch nicht in demfelben Grade, beim Selbftlefen von Dichtungen 
ltatt. Man lieft das Gedicht noch einmal und ein drittes Mal, bleibt 
flehen, blickt rückwärts, vielleicht auch vorwärts, faßt zufammen, lieft 
weiter, verweilt dann wieder u. f. w. So kann de; Mangel, den das 
dichterifche Genießen etwa einer beftimmten Strophe zu einer be- 
ftimmten Zeit aufweift, durch eine fpätere Leiftung — beim noch-, 
maligen Lefen oder beim Rückblicken — ergänzt werden. 
Beim Vorlefen einer Dichtung, ebenfo bei Bühnenaufführungen 
und beim Hören von Mufik fehlt freilich diefer günftige Umftand. 
Hier laffen fich die dem äfthetifchen Aufnehmen des Kunftwerkes 
anhaftenden Unvollkommenheiten nicht fofort gut machen. 
Hält man die hervorgehobenen drei Gefichtspunkte feft, fo ver- 
fchwhdet der Schein, als ob zwifchen der hier gegebenen Zergliederung 
und der unmittelbaren Erfahrung ein Widerfpruch beftünde. Es ver¬ 
hält fich mit dem äfthetifchen Verhalten ähnlich wie mit dem räum¬ 
lichen Sehen. Welche erftaunlich verwickelten Bewußtfeinsleiftungen 
find nicht in jede räumliche Anfchauung hineingearbeitet und in ihr 
gegenwärtig! Und doch bietet fie fich der unmittebaren Selbftbeob- 
achtung als ein verhältnismä >ig überaus Einfaches dar. Ähnlich geht 
auch im äfthetifchen Betrachten die Vielfältigkeit feelifcher Betätigungen 
und Beziehungen in ein Wunder von Einfachheit zufammen.
        

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