Bauhaus-Universität Weimar

Siebzehntes Kapitel : Vierte älthetifche Grundnorm in gegenftändlicher Bezeichnung. 583 
Ziehung zur Einheit kommen, wie dies Gruppen auf Bildern, Szenen 
in Erzählungen leicht zeigen können. 
Jede Kunft hat dann nun noch ihre befonderen Bedingungen 
für die Entfaltung von Strenge und Freiheit. Gewiffe Grade, der 
Auflockerung der Einheit würden gewiffen Künften wider ihre Natur 
gehen, und ebenfo wären gewiffe Grade der Gebundenheit mit der 
Natur mancher Künfte unverträglich. Die Bildnerei ift nicht in dem- 
felben Maße wie die Malerei mit freier Gliederung verträglich. Jene 
Auflockerung der Einheit ins bunt und zufällig Bewegte, wie uns dies 
etwa die Kirmeßbilder von Teniers in der glücklichften Weife zeigen, 
für die Bildnerei zu verlangen, wäre ein Widerfinn. Die Fuge ift 
durch ihre ganze Eigenart auf eine weit ftrengere Einheit angelegt 
als etwa die Sonate. Im Sonett und in der Ode ift nicht nur die 
Form, fondern auch der Inhalt weit ftrenger unter die Zucht der Ein¬ 
heit getan als in der Hymne. So fehr man auch vielfach die vom 
Drama zu fordernde Einheit übertrieben hat, fo kann doch kein 
Zweifel fein, daß das Drama keine fo eigenlebendig bewegte und forg- 
los fich ergehende Mannigfaltigkeit geftattet wie die erzählenden Dich¬ 
tungen. 
Der Unterfchied von ftrenger und freier Einheit ift für die Auf- 
faffung der Entwicklung der Kunft nach Kulturftufen, Völkern und 
Individuen von höchfter Wichtigkeit. Solange eine Zeit noch befangen, 
unbeholfen, unücher in der Ausübung einer Kunft ift, zeigen die 
Kunftwerke jene unfreie Gebundenheit, jene ftarre Regelmäßigkeit, wie 
fie in Griechenland die Bildhauerei in den Jahrhunderten vor den 
Perferkriegen, in Italien die Malerei vor Giotto aufweift. Und wieder¬ 
um von wie fchüchtern freier Gliederung erfcheint Giotto im Ver¬ 
gleich zu Raffael oder Tizian ! Und auf Raffaels Entwicklung läßt fich 
gleichfalls der Fortfehritt von verhältnismäßiger Gebundenheit zu 
immer größerer Freiheit wahrnehmen. Doch kommt bei Künftlern 
auch der umgekehrte Weg vor: von der freien, feffellofen Entfaltung 
des Mannigfaltigen zu fetterer Durchführung der Einheit. Man denke 
an die Umwandlung des Sturm- und Drangftiles bei Schiller und 
Goethe in den Stil ihrer reifen Zeit. 
8. Es bleibt noch übrig, für die vierte Norm die teleologifche 
Begründung zu geben. Woher kommt es, daß im äfthetifchen Ver¬ 
halten zu dem Einfühlen, zu dem Menfchlich-Bedeutungsvollen und 
zu der willen- und ftofflofen Stimmung noch das Erfordernis der ge¬ 
gliederten Einheit hinzutritt? Wird wirklich erft durch die Erfüllung 
Befondere 
Bedingungen 
in den 
einzelnen 
Künften. 
Teleologifche 
Begründung 
der vierten 
Norm.
        

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