Bauhaus-Universität Weimar

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Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
wurde, unmöglich, allgemeingültig zu tagen, bis zu welchem Grade 
der Vermehrung oder Verminderung das Mannigfaltige gebracht werden 
könne, um noch äfthetifch wirkfam zu bleiben. 
Die Gliederung 7. Die zweite Frage betrifft das Verhältnis der Einheit zum 
dundderen Mannigfaltigen. Genauer handelt es fich um die Frage, in welchem 
freien Art. Grade fich die Einheit im Mannigfaltigen geltend macht, gleichfam 
ihre Herrfchaft darin ausübt. 
Zwei Möglichkeiten eröffnen fich hier, die freilich durch viel¬ 
fache Übergänge verbunden find. Entweder fühlen wir beim Gliedern 
des Gegenftandes durchweg die Gebundenheit durch die Einheit. Wir 
üben beim Gliedern die Einheitsfunktion im Sinne einer ftrengen, 
nirgends frei laffenden, nirgends den Zwang lockernden Macht aus. 
Die Glieder zeigen fich überall als untertan der Einheit, als von ihr 
gezügelt und feftgehalten. Nirgends ill dem Mannigfaltigen in ge- 
wiffem Spielraum freie Selbltgeftaltung, fich felbfl überlaffenes Blühen 
und Schweifen geftattet. Die Einheit bringt fich folgerichtig, unerbitt¬ 
lich, mit klarem und feilem Sinn zur Geltung. Oder wir fühlen beim 
Gliedern die Einheit als eine läßliche, liberale Macht. Indem wir in 
das Mannigfaltige eingehen, tritt die Einheitsfunktion teilweife zurück. 
Den Gliedern ill relative Freiheit und Selbftändigkeit gewährt; fie 
dürfen fich innerhalb gewiffer Grenzen in fpielender Eigenlebendig¬ 
keit entfalten, fich freibeweglich, losgewickelt, wie feffellos betätigen. 
Die Herrfchaft der Einheit erfcheint hier zu Gunften der Selbftändig- 
keit der Glieder aufgelockert. Ich unterfcheide demnach die Gliede¬ 
rung der ftrengen und der freien Art. 
Diefer Natürlich macht fich diefer Unterfchied in verfchiedener Weife 
Unj^cehn‘ed geltend, je nachdem es fich um darftellende oder Stimmungskünlle 
darfteiienden handelt. In den darltellenden Künften find es Dinge, Menfchen, 
Stimmung" Vorgänge, Handlungen, die entweder fich der Einheit untertan 
künften. zeigen oder in freierer Weife, mehr aus Eigenlebendigkeit heraus, wachfen 
und blühen. In den Stimmungskünlten bringt fich diefer Unterfchied 
an den willkürlichen Gruppierungen der Formelemente zum 
Ausdruck: diefe zeigen entweder mehr die Haltung des Sichunter- 
werfens oder des forglofen Sichauslebens. Eben daher bedeuten in 
den darfteiienden Künften gewiffe Annäherungen an Regelmäßigkeit, 
die in den Stimmungskünlten fich nicht entfernt als Gliederung der 
ftrengen Art fühlbar machen würden, fchon folche ftrenge Zucht und 
Ordnung. Und umgekehrt kann es in den Stimmungskünlten nirgends 
zu fo felbftändiger Eigenbewegung der Glieder, zu folch lockerer Be-
        

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