Bauhaus-Universität Weimar

Siebzehntes Kapitel: Vierte äfthetifche Grundnorm in gegenftändlicher Bezeichnung. 581 
ift, — ich will nicht fagen: überhaupt alle Einzelheiten des Werkes, 
fondern nur alle diejenigen Einzelheiten, auf die es ankommt, in der 
Erinnerung zu behalten und fich den Lauf der Ereigniffe und Ent¬ 
wicklungen in den wefentlichen Schritten zu vergegenwärtigen, dann 
wirkt fie auf uns nicht mehr als ein äfthetifches Ganzes. Zolas 
zwanzigbändige Romanreihe Rougon-Macquart kann, wiewohl fie als 
künftlerifches Ganzes auftritt, kaum von jemandem als folches ge¬ 
noffen werden. Auch bei den neunbändigen Romanen Gutzkows 
wird dies fchon fchwer fein. Oder man denke an das unüberfehbare 
Labyrinth des Mahabharata. Befonders wenn, wie in den mittel- 
hochdeutfchen epifchen Ungeheuern aus Gottfrieds und Wolframs 
Schule, die Maffe des Inhalts in eintönigen Abenteuern ermüdend 
weiterläuft, wird die Oberfchaubarkeit leicht aufhören. Vier Stunden 
im Theater zu fitzen und angeftrengt zuzuhören, ift eine Leiftung 
von nicht mehr ganz leichter Art. Weitergehende Zumutungen haben 
auch bei willigen Zuhörern Nachlaffen der Aufmerkfamkeit und daher 
einen erheblichen Verluft am Eindruck des Ganzen zur Folge. Rund¬ 
fichten von Türmen oder Bergfpitzen aus laffen fich nur fchwer zu 
einem Gefamtbilde zufammenfaffen ; der Betrachter zerlegt fich un¬ 
willkürlich die Rundficht in einzelne Ausfchnitte. Auch die Gefamt- 
anfchauung von Kirchen und anderen Gebäuden, um die man herum¬ 
gehen muß, um einen vollen Eindruck von ihnen zu haben, kann 
unter der Schwierigkeit, die einzelnen Wahrnehmungsftücke in der 
Phantafie zufammenzufügen, erheblich leiden. 
Nach der entgegengefetzten Seite hört die Oberfchaubarkeit auf, 
wenn der Gegenftand fich dem verfchwindend Kleinen nähert. Wenn 
fich die Anfchauung überhaupt nicht ausbreiten kann, fo ift der Ober¬ 
fchaubarkeit der Boden entzogen. Ein Infekt von der Größe eines 
Stecknadelkopfes ift feiner Kleinheit wegen kaum mehr ein fich 
für die Anfchauung zerlegendes und zufammenfaffendes Ganzes. Das 
Auge muß fich den Raum durch das Mikroskop zerdehnen laffen, 
wenn es die Schönheit der vermöge ihrer Kleinheit fozufagen unter 
der äfthetifchen Schwelle flehenden Lebewefen genießen will. 
Man fleht: mit der Bedingung der Oberfchaubarkeit ift nicht 
gefagt, daß jede Mannigfaltigkeit, die zwifchen die beiden äußerften 
Enden des Überfchaubaren falle, darum fchon äfthetifch berechtigt 
fei. Es gibt unzählige Fälle von Mannigfaltigkeit, die zwifchen beiden 
äußerften Grenzen liegen und dennoch ein äfthetifches Zuviel oder 
Zuwenig an Mannigfaltigkeit bedeuten. Es ift, wie fchon gefagt
        

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