Bauhaus-Universität Weimar

Der äfthetifche 
Gegenftand 
als organifche 
Einheit. 
572 Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
heit Wohlordnung, Harmonie der Teile, Eben- und Gleichmaß der 
wirkenden Kräfte.1) Und auch bei Solger kommt in der Reihe der 
fich immer mehr vertiefenden Schönheitsbegriffe die Beftimmung vor, 
daß fich in der fchönen Erfcheinung die Einheit des Begriffes und 
des Mannigfaltigen offenbare.2) Und betrachtet man die moderne 
Äfthetik, fo findet man das Prinzip der einheitlich verknüpften Man¬ 
nigfaltigkeit beifpielsweife ebenfo bei Fechner3) wie bei Lipps4) aus¬ 
führlich erörtert. 
2. Sieht man näher zu, fo wird man die Einheit in der Mannig¬ 
faltigkeit, wenn fie äfthetifch wirken foil, als organifche Einheit zu 
faßen haben. Möglichfte Einheit bei der möglichften Mannigfaltig¬ 
keit: fo lautet die Norm. Diefe Forderung wäre nicht erfüllt, wenn 
dem Mannigfaltigen ein Ähnliches oder Gleiches nur äußerlich, ohne 
inneren Zufammenhang, anhaftete, fodaß alfo Gleichgültigkeit, bloßes 
Nebeneinanderbeftehen zwifchen dem Vielen und Einen vorhanden 
wäre. Ein beliebiges Farbengeklexe bildet infofern eine Einheit, als 
allen Farben eben die Gattung „Farbe“ zu Grunde liegt. Wenn ich 
eine Wellenlinie, eine krumme Nafe, einen krummen Schnabel, einen 
krummen Rücken, einen krummen Säbel, eine verbogene Eifenbahn- 
fchiene nebeneinander zeichne, fo ift allen diefen Gebilden fichtlich 
die Eigenfchaft des Krummen gemeinfam. Und doch wäre es 
geradezu lächerlich, wenn man diefe beiden Fälle als Beifpiele für 
die äfthetifche Einheit in der Mannigfaltigkeit anftihren wollte. Die 
verfchiedenen Farbenklexe und die krummen Gebilde ftellen darum, 
weil jenen das Wefen des Farbigen zu Grunde liegt und diefen das 
Merkmal des Krummen anhaftet, noch lange keine innerlich zufam- 
mengehörige Einheit dar. 
Darauf vielmehr kommt es an, daß lieh in dem Unterfchiedenen 
das Eine als naherückende, bindende, für einander beftimmende Macht 
zu betätigen fcheint; daß das Viele den Eindruck innerlichen Zufam- 
mengehörens, Auf einander-Angelegtfeins hervorbringt; daß die Teile 
durch ihre Natur, durch die in ihnen fich veranfchaulichenden Kräfte, 
alfo von innen her aufeinander bezogen erfcheinen, daß dies Man¬ 
nigfaltige fo ausfieht, als ob es aus einer Einheit hervorwüchfe, als 
1) Herder, Kalligone, im zweiten Kapitel („Vom Angenehmen in Geftalten“) 
des erften Teiles. 
2) Solger, Erwin, Bd. 1, S. 56 ff. 
3) Fechner, Vorfchule der Äfthetik, Bd. 1, S. 53 ff. 
4) Lipps, Grundlegung der Äfthetik, S. 29 ff.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.