Bauhaus-Universität Weimar

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Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
Anfchauliche 
und dingliche 
Gliederung. 
denen Einzelheiten gelten. Auch in diefem Falle kommt es zu keiner 
gegliederten Einheit. Es kann jemand fich in ein vielgliedriges, ver¬ 
wickeltes Kunftwerk Einzelheit für Einzelheit einfühlen, ohne daß die 
Einzelheiten fich zu einem gegliederten Ganzen zufammenfchlölTen. 
Ein romanifcher Kirchenbau, ein aus vielen Geftalten beftehendes 
Denkmal, eine Sonate kann mit inniger Einfühlung in jedem Teil 
genoffen werden, ohne daß doch diefe Teile fich gehörig abhöben, 
ergänzten, gruppierten und zufammenfaßten. 
Noch viel weniger kann daran gedacht werden, das gliedernde 
Einigen als Folgerung aus dem Menfchlich-Bedeutungsvollen oder 
aus dem Scheincharakter des Äfthetifchen aufzufaffen. Und da auch 
umgekehrt davon keine Rede fein kann, aus der Forderung des 
Einigens und Gliederns die drei erften Normen abzuleiten, fo darf 
mit Recht diefe möglichste Steigerung der beziehenden Funktion als 
eine neue, felbftändige pfychologifche Quelle und als eine neue, 
felbftändige Grundnorm des äfthetifchen Verhaltens angefehen werden. 
2. Was mit diefer neuen Norm gefagt ift, wird erft völlig deut¬ 
lich, wenn man fich einen wichtigen Unterfchied zum Bewußtfein 
bringt, der das Gliedern und Einigen betrifft. 
Entweder nämlich wird das Gliedern und Einigen durch die 
unmittelbar in der Anfchauung zu Tage tretenden Verhältniffe ohne 
Einmengung der dinglichen Bedeutungsvorftellungen beftimmt; oder 
das Gliedern und Einigen vollzieht fich in Abhängigkeit von dem, 
was die Anfchauungen in dinglicher Hinficht bedeuten. Die Gliederung 
der erften Art wird unmittelbar durch die Form, diefe durch den 
Inhalt beftimmt. 
Indeffen bedarf diefe Gegenüberftellung doch noch einer näheren 
Beftimmung. So einfach, wie fie zunächft zu fein fcheint, ift fie doch 
nicht. Indem nämlich die anfchaulichen Verhältniffe das Gliedern 
und Einigen beftimmen, wirken zugleich auch die Stimmungen und 
Strebungen mit, die in den anfchaulichen Verhältniffen als folchen, 
d. h. foweit fie nicht Dinge und Menfchen bedeuten, zum Ausdruck 
kommen. Was alfo in diefem erften Fall zum Gliedern und Einigen 
nötigt, ift mit den anfchaulichen Verhältniffen zugleich die ftim- 
mungsfymbolifche Einfühlung. Man darf alfo die beiden Fälle 
ftreng genommen einander nicht fo gegenüberftellen, daß das Gliedern 
und Einigen in dem einen Falle durch die Form und in dem anderen 
durch den Inhalt beftimmt wäre; fondem genauer ift es fo, daß in 
dem erften Fall die Form famt dem ftimmungsfymbolifchen Inhalt
        

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