Bauhaus-Universität Weimar

Fünfzehntes Kapitel : Dritte äfthetifcheGrundnorm in gegenftändlicher Bezeichnung. 557 
Empfindungsreproduktionen, ferner an die in die Zuftandsgefühle ein- 
fchmelzenden Organempfindungen, endlich aber auch an die mannig¬ 
fach beteiligte Phantafie denken. In welch ftarkem Sinne aber das 
Geiftige zu nehmen ift, geht befonders daraus hervor, daß alles 
Fühlen, Streben, Sinnen im Äfthetifchen fchließlich fich immer auf 
Menfchlich-Bedeutungsvolles, alfo auf einen wertvollen Gehalt richtet. 
Diefe Verföhnung zwifchen Sinnlichem und Geiftigem nun wird 
durch das Hinzutreten der dritten Norm eine befonders vollkommene. 
Denn gemäß der dritten Norm bleiben dem Zufammenklang von 
fmnlicher und geiftiger Natur alle Spannungen und Kämpfe ferne, die 
in dem Gebiete der Selbftfucht und Sittlichkeit, des Forfchens und 
des religiöfen Lebens entfpringen. Die dritte Norm ift es allererft, 
die durch jene Herabfetzung des Wirklichkeitsgefühls, durch die Ein¬ 
führung jener Entlaftung und Befchaulichkeit dem Einswerden von 
Sinnlichkeit und Geift ausdrücklich das Gepräge des Kampflofen gibt. 
So kommt jetzt zu feinem relativen Rechte, was Schiller von 
den „Künftlern“ angefangen in zahllofen fchönen, geiftreichen und 
tieffinnigen Wendungen und Betrachtungen über das Äfthetifche als 
die Verföhnung des Sinnlichen und Geiftigen fagt. Auch Grillparzer 
war, wie mehrere feiner Aphorismen zeigen, von diefem Gedanken 
lebhaft durchdrungen.1) Aber auch durch die deutfche fpekulative 
Äfthetik geht diefe Grundanfchauung, wenn auch in überfteigerter 
und metaphyfifcher Geftalt. So fpendet denn auch Hegel Schiller 
begeiftertes Lob, weil diefer das Schöne als Ineinsbildung des Sinn¬ 
lichen und Vernünftigen begriffen habe. Aber auch wo Hegel felbft 
die Kunft als Einheit von Sinnlichkeit und Geiftigkeit fchildert, findet 
er oft hochgeftimmte Worte.2) Und auch auf die junghegelfche 
Äfthetik von Theodor Mundt kann hingewiefen werden : mit Enthufias- 
mus wird hier die Schönheit als Löfung des Rätfels vom Einsfein 
des Geiftes und der Materie gefeiert.3) 
1) Grillparzer, Ausgabe in 20 Bänden, Bd. 15, S. 24, 55. Über Grillparzers 
Bedeutung für die Äfthetik haben Emil Reich (Grillparzers Kunftphilofophie. Wien 
1890) und Friedrich Jodl (Grillparzers Ideen zur Äfthetik. Im 10. Bande des 
GRILLPARZER-Jahrbuches 1900, S. 45 ff.) in trefflicher Weife gehandelt. 
2) Hegel, Vorlefungen über die Äfthetik, 2. Aufl., Bd. 1, S. 78 ff., 197 ff. 
und fonft. 
3) Theodor Mundt, Äfthetik. Die Idee der Schönheit und des Kunftwerkes 
im Lichte unterer Zeit. Berlin 1843. S. 74 und fonft. Auch Carrière hat über 
diefe verföhnende Seite des Schönen treffliche Worte (Äfthetik, 3. Aufl., Bd. 1, S. 288).
        

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