Bauhaus-Universität Weimar

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Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Ästhetik. 
heit, die jeder äfthetifche Gegenstand darftellt, ift, fo wird (ich im 
siebzehnten Kapitel zeigen, gleichfalls ein bloßer Schein. 
Sonach ist der allgemeine äfthetifche Scheincharakter vom Kunft- 
ichein, von den Scheingefühlen, von der Scheinbefeelung und von 
der Scheineinheit zu unterscheiden. 
Stellen wir uns etwa eine gemalte Landschaft vor, fo wirken 
hier alle fünf Bedeutungen von Schein zufammen. Erftens flehen 
uns die gemalten Bäume u. f. w. als reine, ftofflofe Formen vor 
Augen. Dies ift der allgemeine äfthetifche Schein. Zweitens ruft uns 
die Auftragung von Ölfarbe auf Leinwand den Eindruck einer Land- 
Schaft hervor. Wir glauben eine Landschaft vor uns zu Sehen. Dies 
ift der Kunftfchein. Drittens find die Gefühle, die fich mit der Ge- 
fichtswahmehmung verbinden, von dem gewöhnlichen Wirklichkeits¬ 
gefühl befreit; es find entlastete Gefühle oder Scheingefühle. Viertens 
Sehen uns die Bäume u. f. w. Schwermütig, heiter, kraftvoll. Sehnsuchts¬ 
voll u. dgl. an; kurz fie erscheinen uns als ftimmungsbefeelt. Dies 
ift die Scheinbefeelung. Und fünftens Stellt fich uns die Landschaft 
wie eine wohlgegliederte, harmonieerfüllte, organische Einheit dar. 
Auch diefe Einheit aber ift eine Einheit nur für den Eindruck, alfo 
Teleologifche 
Begründung 
der dritten 
Norm : 
1. der Wert des 
befchaulichen 
Verhaltens. 
eine Scheineinheit. 
6. Jetzt gilt es noch, die teleologifche Rechtfertigung für die 
dritte Grundnorm zu geben (vgl. S. 388 ff., 471 f.). Dabei Sehe ich 
die beiden erften Normen als feststehend an und faffe ins Auge, welch 
ein menfchheitlicher Wert durch das Hinzutreten der dritten Norm zu 
jenen beiden herauskommt. 
Indem die dritte Norm hinzutritt, arbeitet fich das äfthetifche 
Verhalten noch entschiedener zu einem eigenartigen menfchheitlichen 
Wertgebiete heraus. Schon infolge der beiden erften Normen galt 
uns das äfthetifche Verhalten als fühlend-fchauendes Sichverfenken 
in den für den Menfchen bedeutungsvollen Weltinhalt. Jetzt tritt 
der Unterschied diefes Verhaltens von Wollen und Sittlichkeit, von 
WiSSen und Wiffenfchaft, von Frömmigkeit und Religion Schärfer 
hervor. 
Erft durch die dritte Norm erhält die Einfühlung in den bedeu¬ 
tungsvollen Weltinhalt eine eigengeartete Stellung zur Wirklichkeit. 
Unter den menfchlich wertvollen Betätigungsweifen würde eine fehlen, 
wenn der Menfch nicht auch im Stande wäre, fich zur Wirklichkeit 
beschaulich zu verhalten, fie als Schein und Bild zu nehmen, fie frei 
von den IntereSSen des praktischen, Sittlichen, frommen, erkennenden
        

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