Bauhaus-Universität Weimar

Die 
Begriff- 
lofigkeit. 
Der Begriff 
in feinem 
Gegenfatze 
zur 
Einfühlung. 
544 Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
Stelle des künftlerifchen Betrachtens das kritifche Unterfuchen. So 
hat man auch beim Lefen philologifcher Schriften überaus häufig das 
Gefühl, daß der grundgelehrte Verfaffer zwar fehr viel an Sophokles, 
Horaz, oder wer es fei, kritifch herumgedacht, aber fich nur fehr 
wenig mit künftlerifchem Blick in die Geftalten- und Gefühlswelt des 
Dichters vertieft habe. 
5. Eine der Erkenntnislofigkeit nächft verwandte Forderung ergab 
fich uns bereits aus der erften äfthetifchen Grundnorm. Es war die 
Forderung der Begrifflofigkeit. Ift das äfthetifche Verhalten wirklich 
jene Einheit von Fühlen und Schauen, als welche es fich uns dar* 
geftellt hat, fo war damit auch gefagt, daß die Vorftellungen, die das 
Schauen begleiten, nicht in der Form des Begriffs verharren dürfen. 
Der Begriff macht die Einfühlung und ebendamit das Eingehen des 
Gehalts in die Form unmöglich. Die Vorftellungen müffen erftens 
an fich felbft gefühlsähnlich werden, zweitens Gefühlserlebniffe in uns 
auslöfen und mit diefen verwachfen, und drittens muß diefer gefühls- 
beherrfchte Inbegriff mit der finnlichen Anfchauung verfchmelzen. In 
allen drei Beziehungen ift der Begriff das Gegenteil der äfthetifchen 
Vorftellung. 
Erftens widerftrebt der Begriff dem Einfühlen vermöge feiner 
logifchen Klarheit. Jeder Begriff ift ein analyfiertes, nach den ein* 
zelnen Merkmalen beftimmt auseinandertretendes, in feinem Zufammen- 
hang ftreng herausgearbeitetes Ganzes. Sollen die Vorftellungen für 
die Einfühlung tauglich fein, fo müffen fie jene oft hervorgehobene 
Verdichtung und Verdunkelung, auch eine verhältnismäßige Aufhebung 
der Ordnung erfahren. Der Begriff ift von diefer Gefühlsverähnlichung 
das volle Gegenteil. Zweitens find die Begriffe darum für die Ein¬ 
fühlung nicht zu brauchen, weil fie nur einen äußerlt geringen Gefühls¬ 
wert haben. Je begrifflicher die Vorftellungen find, um fo weniger 
im allgemeinen wirken fie auf das innere Erleben erregend. Gefühls¬ 
erlebniffe aber müffen die Vorftellungen umfpielen, umfluten, fie 
tragen und überdecken, wenn jene gefühlsmäßig fchauende Hingabe 
an die Welt ftattfinden foil, in der das Ausgezeichnete des äfthetifchen 
Verhaltens befteht. Und drittens teiltet der Begriff darum der Ein¬ 
fühlung Widerftand, weil in ihm das Anfchauliche auf ein allergeringftes 
Maß heruntergebracht ift. Das Anfchauliche ift in ihm derart ver¬ 
kümmert, daß man ihn als verhältnismäßig anfchauungslos bezeichnen 
darf. Diefe Anfehauungslofigkeit bildet feinen Vorzug, macht ihn zum 
Träger des Allgemeinen und gibt ihm hiermit die Fähigkeit zu den
        

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