Bauhaus-Universität Weimar

Vierzehntes Kapitel : Erkenntnislofigkeit im älthetifchen Verhalten. 539 
gründete allgemeine Unterfuchung über die Natur und den Menfchen.1) 
Daß ein großer Dichter fein eigenes Schaffen, wo er lieh darüber 
theoretifch Rechenfchaft gibt, in fo hohem Grade mißverfteht, dürfte 
noch nicht oft vorgekommen fein. 
2. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Möglichkeit, gegen Didaktuche 
die Erkenntnislofigkeit zu fehlen, weit mehr durch die Kunft als durch Dlchtung' 
die Natur geboten wird. Vor allem aber ift es die Dichtkunft, die nur 
allzu oft den Lefer verführt, fich die Haltung des Wiffenwollens zu 
geben, oder ihn doch dazu auffordert und fchon durch diefe Auf¬ 
forderung die künftlerifche Stimmung verdirbt. Vor allem die didak- 
tifche Dichtung gehört hierher. Es können aber auch Werke der 
bildenden Kunft didaktifcher Art fein. 
Didaktifch ift eine Dichtung dann, wenn in ihr die Abficht zu 
Tage tritt, zu belehren, aufzuklären, Fragen zu löfen, kurz das Er- 
kenntnisftreben des Lefers in Tätigkeit zu fetzen. Auf das fühlbare 
Hervortreten folcher Abficht in der dichterifchen Darftellung kommt 
es an. Wenn ein Lefer fich etwa durch Goethes Gedichte „Das Gött¬ 
liche“ oder „Grenzen der Menschheit“ oder durch Iphigenie oder 
Tasso in feiner Lebens- und Weltbetrachtung mächtig bereichert fühlt, 
fo ift damit auch nicht im entfemteften der Schein des Didaktifchen 
auf diefe Dichtungen geworfen. Oder wenn ein litteraturgefchichtlicher 
oder grammatifcher Forfcher fich beim Lefen von Uhlands Gedichten 
in die Haltung des Fragens und Suchens bringen läßt, fo liegt zwar 
eine völlige Vereitelung des äfthetifchen Genießens durch das in Gang 
gefetzte Erkenntnisftreben vor; allein von Didaktik ift natürlich keine 
Rede. Wenn dagegen Parmenides, Empedokles, Lucretius ihre Philo- 
fophie dichterifch vortragen, wenn der Winsbeke oder Freidank uns 
ihre Spruchweisheit dichterifch geben, wenn Rückert in der Weisheit 
des Brahmanen fich in Betrachtungen über alle Fragen des Glaubens 
und Lebens ergeht, fo nennt man diefe Dichtungen mit Recht didaktifch. 
Denn hier wendet fich der Dichter an den Lefer, fei es durchweg, 
fei es teilweife, mit der Gebärde eines Führers in die Reiche der 
Erkenntnis. 
i) Zola, Le roman expérimental. 2. Aufl. Paris 1880. S. 22, 36 f., 48, 223. 
Richard Wallaschek hat den Einfall, der Dichtkunft den niederllen Rang unter 
den Künften anzuweifen, weil üe unfere Erkenntnis erweitert und der Wiffenfchaft 
am nächflen fleht (Äfthetik der Tonkunfl. Stuttgart 1886. S. 153 f.). Wo Wallaschek 
grundlegende äfthetifche Fragen erörtert, ifl er von einer Verworrenheit, wie fie 
nicht leicht zu finden ifl.
        

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