Bauhaus-Universität Weimar

Dreizehntes Kapitel: Stofflofigkeit im äfthetifchen Verhalten. 
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Hintergrund begleiteten Form. Die Worte „ftofflich“ und „ftofflos“ 
wandte ich fchon bei der Erörterung über die Willenlofigkeit an 
(S. 511 f.). Jetzt haben fie eine beftimmtere und engere Bedeutung 
erhalten. 
Was mit der ftofflofen Form getagt ift, wird befonders klar, wenn 
man erwägt, daß das Stoffliche des gewöhnlichen Sehens oft in vor- 
ftellungsmäßig erweiterter Form auftritt. Der Arzt, der den Kranken 
unterfucht, gefeilt feinem Sehen Vorftellungen über die innenleibliche 
Befchaffenheit des Kranken hinzu. Sein Sehen interefliert fich zugleich 
für das hinter dem Sehen liegende Stoffliche. Wer ein Pferd oder 
ein Stück Tuch kauft, fleht mit feinen Augen gleichfam auch hinter 
die Oberfläche des Pferdeleibes und des Tuches. Wer die Frucht¬ 
barkeit einer Gegend beurteilt, hängt an das, was er wirklich fleht, 
Vorftellungen über die Befchaffenheit des Erdreichs. Soll jemand 
einen Stein oder Sack heben, fo denkt er, indem er die Laft befieht, 
zugleich an die Schwere des Inhalts. Steht ein Teller mit Fleifch 
und Kartoffeln vor mir, fo fetzt fleh mein Sehen gleichfam auch in 
das Stoffinnere fort; ich erwarte Härte oder Weiche, Trockenheit oder 
Saftigkeit ; und auch abgefehen davon ift mein Sehen von dem Gefühl 
der bevorftehenden ftofflichen Durcharbeitung begleitet. Und foil ich 
in das Bad fteigen, fo ift das Waffer für meine Augen nicht nur 
Oberfläche, fondern ein Element, das mit feinen Stoffteilchen alsbald 
meinen Leib umfpielen wird. Und fo ift es in allen Verrichtungen 
und allen Stellungen zu den Dingen, die das Leben mit fleh bringt: 
überall treten zu dem Gefehenen Vorftellungen über das dahinter 
liegende Stoffliche hinzu. 
Da will ich nun eben fagen, daß derlei für das äfthetifche 
Schauen fchlechtweg vernichtend ift. Mag fich das Stoffliche in der 
Weife eines bloßen unbeftimmten Gefühls oder, wie die foeben an¬ 
geführten Beifpiele zeigten, in der Weife einer entwickelten Vorftellung 
an die gefehene Form knüpfen: in jedem Fall wird das äfthetifche 
Sehen aufgehoben. Das äfthetifche Sehen wird durch die Form als 
folche gefeffelt und befriedigt. 
2. Man würde nun diefe Stofflofigkeit mißverftehen, wenn man 
fie dahin deuten wollte, daß in unferem Vorftellen zu der Form aus¬ 
drücklich das Abfehen von dem Stoffe hinzuzufügen fei. Erftlich 
würde gerade ebenhierdurch unfer Betrachten von der Form abgelenkt 
werden. Die Aufmerkfamkeit würde, wenn auch nur negativ, auf den 
Stoff hinschielen. Zweitens würde uns durch folches ausdrückliches 
Johannes Volkelt, Syftem der Äfthetik. I. Band. 34 
Kein 
bewußtes 
Ablöfen 
vom Stoff.
        

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