Bauhaus-Universität Weimar

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Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
Gegen¬ 
gewichte 
gegen die 
ftoffliche 
Wirkung 
ekel- und 
graufen- 
Ekel und Graufen eine fühlbare Bewegung der Abwehr, des Weg- 
ftoßens, des Fliehens verbunden ift, dort ift mit der geforderten 
relativen Willenlofigkeit gebrochen. Diefe Abwehr- oder Flucht¬ 
bewegung tritt für den Ekel eher ein als für das Graufen. Sobald 
es zu einer wirklichen, wenn auch nur geringen Organempfindung 
des Ekels kommt, ftreben wir lebhaft von der entfprechenden Wirklich¬ 
keit weg. Die Organempfindung des Graufens dagegen kann in ge- 
wiffen leichteren Graden vorhanden fein, ohne daß wir an der ent¬ 
fprechenden Wirklichkeit mit unterem Weg- oder Zuftreben teilzu¬ 
nehmen brauchten. Mit anderen Worten: das Graufen, auch wo es 
fich leiblich fühlbar macht, paßt fich der äfthetifchen Stimmung leichter 
an als der Ekel. Das Graufen übrigens kann auch als Luft empfunden 
werden. Diefe raffiniert luftvolie Organempfindung ftört gleichfalls 
den äfthetifchen Genuß, fobald fie mit Wunfch und Gier nach der 
erregenden Wirklichkeit verknüpft ift. 
Wenn ich Ekel und Graufen hier zufammennehme, fo gefchieht 
dies, weil fie häufig miteinander verbunden Vorkommen und leicht 
ineinander übergehen. Eine Fundgrube für Ekelempfindungen ift 
Zolas La Terre. Was hier alles im Befchreiben von Freffen, Saufen, 
von Verrichtungen menfchlicher Notdurft, von Entbindungen, von 
Unzucht jeder Art geboten wird, erweckt haufenweife Ekelempfin¬ 
dungen. Oft gefellen fich Empfindungen des Graufens dazu; wenn 
z. B. von dem tierifch blödfinnigen Hilarion erzählt wird, daß er 
feine fall neunzigjährige Großmutter habe notzüchtigen wollen. Oder 
wenn in L’Affommoir gefchildert wird, wie Coupeau zu einem ftinken- 
den, fchmutzigen, ftumpffinnigen, fchnapsgierigen, von Schnaps in 
Fleifch und Knochen verbrannten Tier herabfinkt und in Säufer- 
wahnfinn endet, und wie Gervaife, feine Frau, wie ein Hund im Un¬ 
rat verreckt, fo werden hier meiftenteils Ekel und Graufen zufammen 
erregt. Wenn dagegen im Germinal das Schickfal der im Bergwerk 
verfchütteten Arbeiter gefchildert wird, fo entfteht bei weitem über¬ 
wiegend die Empfindung des Graufens. In der deutfchen Litteratur 
ift der Hofmeifter von Reinhold Lenz ganz befonders reich an Ekel¬ 
erregungen. Der Hofmeifter kaftriert fich und heiratet dann doch. 
Auch hier erhebt fich die Frage: worin liegen bei der Dar- 
ftellung ekel- und graufenerregender Erfcheinungen die Gegengewichte, 
durch die die Gefahr ftofflicher Erregungen vermieden oder doch 
verringert wird? Auf diefe Frage wird ähnlich wie auf die entfprechende 
Frage bei den Gefchlechtsempfindungen zu antworten fein. Auch
        

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