Bauhaus-Universität Weimar

Drittes Kapitel: Die Erfahrungsgrundlage der Ällhetik. 
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ihr äfthetifches Erleben. Diefe Äußerungen find entweder ausdrück¬ 
liche Mitteilungen, abfichtliche Bekenntniffe über die eigenen Innen¬ 
vorgänge, oder fie haben mit folcher Abficht nichts zu fchaffen, fie 
entfpringen anderen Antrieben. Am meiden id dies bei den unwill¬ 
kürlichen Gefühlsausbrüchen der Fall, wie de nach darken ädhetifchen 
Eindrücken zu erfolgen pflegen. Ohne Zweifel bilden die Äußerungen 
der erden Art eine für den Ädhetiker weit wichtigere Erfahrungs^ 
grundlage. 
Durch unfere Umgebung, durch unteren Verkehr erfahren wir 
bei den verfchiedenden Gelegenheiten, fei es mehr auf die erde oder 
zweite Weife, wie dch andere Individuen in kündlerifcher Hindcht 
verhalten. Wie mannigfaltige Gelegenheit bieten nicht allein fchon 
Theater, Konzerte, Ausdellungen zum Austaufch der individuellen Ge¬ 
fühls- und Gefchmacksunterfchiede! Für den Ädhetiker werden diefe 
ihm in Fülle zufließenden Erfahrungen über das ädhetifche Verhalten 
anderer oft in hohem Grade lehrreich fein. Im Vergleiche zu feiner 
eigenen Verhaltungsweife wird er bei anderen bald gröberen, unent¬ 
wickelteren, bald vielleicht, wenn er nur genug unbefangen ift, feineren, 
erlefeneren, entwickelteren kündlerifchen Gefchmack fedzudellen haben, 
und er wird nicht nur von diefen, fondem auch von jenen Fällen 
lernen können. 
Von befonderem Werte find natürlich für ihn die Mitteilungen 
folcher Perfonen, die durch ihre ktindlerifche Bildung hervorragen, 
und denen man die Fähigkeit Zutrauen darf, fich über ihr äfthetifches 
Erleben zuverläffig und klar zu äußern. Namentlich wenn die äfthö- 
tifchen Bekenntniffe von großen Künftlem herrühren und die Innern 
Vorgänge ihres Schaffens betreffen, kommt ihnen eine hohe Bedeutung 
zu. Jeder bedeutende Künftler, der uns durch Mitteilungen in die 
innere Werkftätte feines Sinnens und Geftaltens blicken läßt, liefert 
dem Äfthetiker einen Beitrag für feine Lehre vom künftlerifchen 
Schaffen. Befonders Dilthey hat in feiner Poetik auf die „Selbft- 
zeugniffe der Dichter“ Gewicht gelegt.1) Friedrich v. Hausegger* *) 
und andere find ihm hierin gefolgt. 
i) Dilthey, Die Einbildungskraft des Dichters, a. a. O. S. 401 ff. 
*) Friedrich v. Hauseooer, Das Jenfeits des Künftlers. Wien 1893. S. 18 ff. 
Hausegoer hat auch eine Umfrage bei Tonktinltlem, Dichtem und Malern ver- 
anftaltet und fie erfucht, fich über die Vorgänge bei ihrem Schaffen zu äußern. Die 
zum Teil hochintereffanten Antworten, die er erhalten, find in der Neuen Deutfchen 
Rundfchau, 1897, S. 951 ff. und S. 1033 ff. veröffentiicht. 
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