Bauhaus-Universität Weimar

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Erfter Abfchnitt: Methodifche Grundlegung der Äfthetik. 
zwar um fo mehr, je reicher, ftärker und tiefer fich fein äfthetifches 
Fühlen innerhalb jener Einfeitigkeit und Enge entwickelt hat —, daß 
er das Allgemeingültige unwillkürlich auf feine perfönliche Eigenart 
zufchneiden werde. Novalis und Grillparzer können in ihren Aus- 
fprüchen äfthetifcher Natur nach zwei entgegengefetzten Einfeitigkeiten 
hin als Beifpiele dienen. 
Von befonderem Vorteil wird es für den Äfthetiker fein, wenn 
feine äfthetifchen Innenerfahrungen nicht bloß aus Betätigungen des 
künftlerifchen Aufnehmens beltehen, fondern auch künftlerifches Schaffen 
in ihrem Umkreife aufweifen. Das freilich ift naturgemäß ein feltener 
Fall, daß der Äfthetiker zugleich ein Künftler hohen Ranges ift. 
Schiller ift ein Beifpiel dafür; bis zu gewiffem Grade auch Jean Paul 
und Richard Wagner; doch hat bei ihnen das Künftlergenie das be¬ 
griffliche äfthetifche Überlegen nicht in dem hohen Grade wie bei 
Schiller zur Entwicklung kommen laffen. Auch Leffmg und Herder 
können nur in gewiffem Grade als Beifpiele für jene Vereinigung an- 
gefehen werden. Bei ihnen hat umgekehrt das dichterifche Schaffen 
unter der Begriffsarbeit gelitten. Als eine Annäherung in anderer 
Weife kann Friedrich Vifcher gelten. So feiten nun alfo auch das 
Zufammenfallen hoher Künftlerfchaft und äfthetifcher Begriffsarbeit in 
einer Perfönlichkeit ift, fo leicht ift es doch möglich, daß der Äfthetiker 
fich mit gewiffem Glück in der einen oder anderen Kunft verfucht. 
Diefer (in gutem Sinn verftandene) Dilettantismus in irgend einer 
Kunft ift für den Äfthetiker von unfchätzbarem Wert. Vor allem das 
Verftändnis für das künftlerifche Schaffen wird ihm dadurch in hohem 
Grade erleichtert werden. Wer fich auch nur in irgend einem kleinen 
Gebiet der Kunft felbftändig verfucht hat, befitzt in der dabei erlebten 
Geiftesverfaffung eine weittragende Hilfe, wenn er über die Stim¬ 
mungen, Erregungen, Schauungen beim künftlerifchen Schaffen in 
feiner Äfthetik fprechen will. Von dem vielen Beherzigenswerten, 
was Lichtwark über den gefunden Dilettantismus als ein treffliches 
Mittel für die Erziehung zum Verftändnis der bildenden Kunft fagt, 
gehört mancherlei hierher.1) 
Erfahrung*. 3. Die perfönlichen äfthetifchen Erfahrungen des Äfthetikers be- 
2* Äußerung dürfen natürlich der Ergänzung durch die Äußerungen anderer über 
gen anderer 
fiber ihr 
flfthetifches 
Erleben. 
*) Man lefe von Lichtwark etwa: Wege und Ziele des Dilettantismus (Mün¬ 
chen 1894), S. 22 ff. oder: Vom Arbeitsfeld des Dilettantismus (Dresden 1897), 
S. 15 f., 21 ff.
        

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