Bauhaus-Universität Weimar

Elftes Kapitel: Dritte ällhetifche Grundnorm in pfychologifcher Bezeichnung. 495 
6. Worauf ich hinauswill, ift dies. Im älthetifchen Verhalten fehlt 
diefes foeben gekennzeichnete gewöhnliche Wirklichkeitsgefühl. Damit 
foil nicht getagt fein, daß alles Wirklichkeitsgefühl überhaupt fehle. 
So etwas zu behaupten, wäre lächerlich. Auch im äfthetifchen Be¬ 
trachten fühlen wir uns als wirklich und eine Wirklichkeit uns gegen¬ 
über; aber das Wirkliche hat hier nicht jene Charakterzüge, die ihm 
im fonftigen Leben eigentümlich find. Es ift ein Wirkliches von un¬ 
persönlicherer und abgefchwächter Art. Die Wirklichkeit, die uns im 
äfthetifchen Betrachten gegenübertritt, ruft weder unteren egoillifchen 
noch fittlichen Verwirklichungsdrang auf; fie zieht nicht unfer Be¬ 
gehren, Wollen, Arbeiten, Handeln auf lieh; auch unferen Wiffens- 
durft und unfer Forfchen ftachelt fie nicht auf; fie erfüllt uns nicht 
mit Sorge um untere persönlichen Schickfale und auch nicht mit Sorge 
um unfer ewiges Heil. Alles alfo, was unmittelbar unfer Wollen her¬ 
ausfordert, fei es unfer felbftfüchtiges oder fittliches Wollen, unfer 
Wiffenwollen oder Erlöftfeinwollen, bleibt im äfthetifchen Verhalten 
unberührt. Aber auch unfer finniiehes Wahmehmen wird nicht auf 
das Stoffliche, Maffige an den Dingen hingelenkt: diefe Zugabe laftet 
nicht auf ihm. 
Mit dem allen habe ich nur zum Ausdruck gebracht, was darin 
liegt, wenn ich behaupte, daß dem äfthetifchen Betrachten jenes vorhin 
befchriebene gewöhnliche Wirklichkeitsgefühl fern bleibt. Es wird 
weiterhin genauer zuzufehen fein, wie lieh im äfthetifchen Verhalten 
nach den verfchiedenen Seiten hin diefes Zurückweichen und Nach- 
laffen der Wirklichkeit geltend macht. Denn man fleht fchon: wie 
das gewöhnliche Wirklichkeitsgefühl in verfchiedenen Geftalten auf- 
tritt, fo wird auch fein Aufhören in verfchiedener Weife im Bewußt¬ 
fein charakterifiert fein. Zuvor aber muß gefragt werden, wie fich 
das Aufhören jenes gewöhnlichen Wirklichkeitsgefühls überhaupt im 
Bewußtfein kundtut? Was ift für das Bewußtfein das gern ein fame 
Merkmal diefes Vorganges? 
7. Die äfthetifche Wirklichkeit gibt fich uns in ihrer Eigentüm¬ 
lichkeit durch den Kontraft mit der gewöhnlichen zu fpüren. Treten 
wir in das äfthetifche Betrachten ein, fo macht fich uns der Wechfel 
der beiden Wirklichkeitsarten unmittelbar fühlbar. Unwillkürlich mißt 
fich in unferem Gefühl die neue Wirklichkeitsart an der foeben im 
Bewußtfein dagewefenen und gibt fich uns als eine leichtere, weniger 
belaftende, weniger auf uns eindringende, weniger uns aufregende 
kund. Wir fühlen uns durch den Kontraft erleichtert, entlaftet, ge- 
Das 
gewöhnliche 
Wirklichkeits- 
gefühl fehlt 
im äfthetifchen 
Verhalten. 
Das 
Kontraftgefühl 
der 
Entlaftung.
        

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