Bauhaus-Universität Weimar

Das 
Wirklichkeits¬ 
gefühl in den 
Gehörs¬ 
wahr¬ 
nehmungen. 
Ergebnis. 
494 Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
lichkeitseindruck als Bewußtfeinstatfache beim Sehen anerkannt 
wird.1) 
Beim Hören kommt diefes Stoffliche nur in mittelbarer w*nfe, 
gleichfam von fern, in Betracht. Nur indem wir die gehörten Töne 
unwillkürlich oder mit Überlegung auf Körper beziehen, von denen 
fie ausgehen, entlieht uns ein gewiffer Eindruck des Stofflichen. Mit 
dem Taften dagegen ift diefer Eindruck noch unmittelbarer als mit 
dem Sehen verknüpft; denn im Taften liegt das Widerftandserlebnis 
felbft vor, während es für das Sehen erft reproduziert werden muß. 
Doch kommt das Taften für unteren Zweck kaum in Frage. Nur 
auf Sehen und Hören haben wir untere Aufmerkfamkeit zu lenken. 
Hiermit ift das Wirklichkeitsgefühl dargelegt, das uns in ver¬ 
miedenen Formen und Graden im gewöhnlichen Leben begleitet. 
Es ift, wie man fleht, nicht etwa ein befonderes Gefühl wie Haß 
oder Furcht, fondern es ift nur die gemeinfame Bezeichnung für eine 
Reihe verfchiedener gefühlsmäßiger Verhaltungsweifen. Alle diefe Ver¬ 
haltungsweifen aber, mögen fie das egoiftifche oder das fittliche 
Wollen, das religiöfe Fühlen, das Wahrheitslieben oder die Gefichts- 
wahrnehmung begleiten, haben den gleichen Gattungscharakter: fie 
find unmittelbares Gefühl von der Wirklichkeit fchlechtweg, unmittel¬ 
bare Gewißheit von der vollen, unabgefchwächten, jeweilig unüber¬ 
bietbaren Wirklichkeit. Diefer gemeinfame Gattungscharakter, wenn 
er auch kein befonderes Gefühl ift, fondern nur das Zufammentreffen 
verfchiedener, von verfchiedenen Richtungen her fich ergebender Ge¬ 
fühle in einem gemeinfamen Grundzuge bedeutet, rechtfertigt es, daß 
alle diefe befonderen Gefühle unter dem Namen „Wirklichkeitsgefühl“ 
zufammengefaßt werden. Und da es fich dabei überall um das ge¬ 
wöhnliche Leben, das heißt: um das Leben im Gegenfatze zum äfthe- 
tifchen Verhalten handelt, kann ich es genauer als gewöhnliches 
Wirklichkeitsgefühl bezeichnen. 
9 Von dem Stofflichkeitseindruck ift zu unterfcheiden der allen Empfindungen 
gleichermaßen anhaftende transfubjektive Schein. Diefer bildet die Vorausfetzung, 
auf der fich der Stofflichkeitseindruck allererft entwickelt. Der transfubjektive Schein 
ift nach meiner Auffaffung nichts anderes als die allem Empfinden innewohnende 
unableitbare, fchlechtweg urfprüngliche Bewußtfeinsfunktion des Empfindens felber. 
Ich habe dies in meinem Auffatz „Die Empfindung und der Glaube an die Außen¬ 
welt“ (Zeitfchrift für Philofophie und pnilofophifche Kritik, Bd. 112, S. 217 ff.) aus¬ 
einandergefetzt. Oben habe ich von dem Schein der Transfubjektivität als der 
letzten Vorausfetzung des Stofflichkeitseindruckes der Einfachheit halber abgefehen.
        

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