Bauhaus-Universität Weimar

Zehntes Kapitel: Das Menfchlich-Bedeutungsvolle und die Lebensanfchauung. 485 
eignet, das Menfchliche in bedeutfames Licht zu rücken. In der Dich- Lebens- 
tung macht lieh häufig eine wohlfeil und platt moralifche Lebens- anfchauunsen- 
anfehauung breit. Wenn etwa Chriftian Felix Weihe fich an einen 
Richard den Dritten heranwagte, fo läßt die zu Grunde liegende phili- 
ftröfe moralifche Lebensanfchauung den Lefer auf Schritt und Tritt 
den Mangel empfinden, daß diefer Riefenhoff nicht zu der Bedeut- 
famkeit, auf die er angelegt ift, herausgearbeitet wurde. Auch bei 
Geliert und Iffland kommt das Menfchlich-Bedeutungsvolle infolge der 
allzu gewöhnlichen Lebensanfchauung nicht zu feinem vollen Rechte. 
Unter den neueren Dichtern leidet der brave Benedix an diefem Mangel. 
Aber auch wenn die Lebensanfchauung einem hochbegabten Geille 
entfpringt, der aber noch gänzlich unfertig ift und daher noch in ver¬ 
worrenem Gären fteht oder fich vielleicht alles als viel zu klar und 
einfach vorhellt, fo ift dies eine höchft ungünftige Bedingung für die 
Gewinnung des Menfchlich-Bedeutungsvollen. In Körners Dramen 
z. B. fchwächt das allzu Unreife feiner Lebensanfchauung den Ein¬ 
druck in hohem Grade. Anders ift es in Schillers Räubern und 
Anthologie: hier überwiegt das Große, Kühne, Tiefe, Originelle 
der Weltanfchauung; das noch trüb Gärende und unklar Stür¬ 
mende trägt in fich felbft das Gepräge genialen Könnens. So 
wirkt das noch nicht Gereifte freilich auch hier hörend; doch aber 
überwiegt für den Eindruck die Kraft des Dichters, das Bild von 
menfchlichem Leben und Schickfal in der Richtung des Furcht¬ 
baren und Tragifchen, des Hochherzigen und Beraufchenden zu 
fteigern. 
Ferner darf die Lebensanfchauung, wenn auf ihrer Grundlage Querköpfige 
Lebens- 
fich im Kunftwerk Menfchlich-Bedeutungsvolles gehalten foil, nicht in anfchauungen. 
überwiegendem Maße verfchoben, verdreht, querköpfig, närrifch fein. 
Und je weniger diefe üblen Eigenfchaften mit geihreicher Art gepaart 
find, um fo hörender wirken fie. Man denke etwa an die Schickfals- 
tragödien Werners und Müllners oder auch an den Hofmeiher von 
Reinhold Lenz. Auch bei den Romantikern findet man vielfach Züge, 
die nach der Richtung des allzu Sonderbaren hin einen Zufatz zeigen. 
So ih es häufig bei Brentano, hier und da auch bei Tieck und bei 
Amadeus Hoffmann. Doch wird die hörende Wirkung gewöhnlich 
vermindert durch den fich überwiegend geltend machenden Geih und 
Tiefblick in der Auffaffung der Menfchen und Schickfale. Ih nur ein 
Anklang von allzu feltfamer Laune und hörender Befremdlichkeit vor¬ 
handen, fo entheht das, was man das Wunderliche nennt.
        

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