Bauhaus-Universität Weimar

Achtes Kapitel: Zweite äfthetifche Grundnorm in gegenftändlicher Bezeichnung. 471 
fittlich-peffimiftifchen Entwicklungen wegzufallen hätten. Davon wird 
noch an fpäteren Stellen ausführlich zu handeln fein.1) 
9. Die voranftehenden Erörterungen hatten nicht nur den Zweck, 
die Anficht, die den Inhalt des Äfthetifchen auf das Gute einfchränkt, 
als unhaltbar zu erweifen, fondem auch den weiteren, das Umfaffende 
der Formel des Menfchlich-Bedeutungsvollen einleuchten zu laffen. 
Jetzt gilt es, durch eine grundlegende teleologifche Erwägung diefe 
zweite Norm zu rechtfertigen (vgl. S. 388 ff.). 
Wenn dem fchauenden Fühlen alles, was menfchlich-bedeutungs- 
voll ift, zum Inhalt gegeben wird, fo ill ihm damit die ganze Wirk¬ 
lichkeit eröffnet, foweit fie für das Menfchliche im Menfchen Wert hat. 
Das fchauende Fühlen ill dann nicht nur dem einen oder anderen 
Werte, etwa dem fittlichen, zugewandt, fondem alles, was für Ent¬ 
wicklung des Menfchlichen, für menfchliches Schickfal, für das, was 
es heißt Menfchfein, in Betracht kommt, wird von ihm in feinen Be¬ 
reich gezogen. Nur das für uns Schale und Nichtige, unverfländlich 
Abfonderliche und Mißgeburtartige ill ausgefchloffen. Der ganze 
reiche Weltinhalt, foweit er lieh dem Wefen des Menfchen als zu¬ 
gehörig oder ihm verwandt ankündigt, bietet lieh dem fchauenden 
Fühlen als würdigen Gegenlland dar. 
Bei diefer Auffaffung darf das äfthetifche Verhalten als ein eben¬ 
bürtiges Glied in dem Reigen der großen menfchheitlichen Werte er- 
fcheinen. Jeder der großen menfchlichen Werte überwindet in feiner 
Weife das Unwefenhafte, fchlechtweg Einzelne, Nichtige, Oberfläch¬ 
liche. Wiffenfchaft und Philofophie tun dies, indem fie der Erkennt¬ 
nis der Gattungen und Gefetze zuftreben. Die Religion vollzieht jene 
Überwindung, indem fie das Fühlen des Menfchen geradezu auf Gott 
hinlenkt. Auch das fittliche Streben hat überall Ziele im Auge, die 
der Höherbildung des kernhaft Menfchlichen in uns gelten. Ihnen 
reiht lieh das äfthetifche Verhalten an, indem es mit fchauendem 
Fühlen das Menfchlich-Bedeutungsvolle ergreift. 
Und auch mit dem, was als echte Kunft gelten darf, gerät diefe 
Auffaffung nicht in Widerftreit. Wer dagegen den äfthetifchen Inhalt 
auf das Göttliche, die Idee, das Gute befchränken möchte, müßte 
felbft in den edelften Beftand der Künfte eingreifen und gewaltige 
Teile herausfehneiden. Und umgekehrt, wer in naturaliftifcher Weife 
Teleo 
logifche 
Recht¬ 
fertigung 
der zweiten 
Norm. 
x) Ich weife vorläufig auf meine Erörterungen über diefen Gegenlland in den 
Äfthetifchen Zeitfragen S. 18 ff. und in der Äfthetik des Tragifchen S. 212 f., 254 ff. hin.
        

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