Bauhaus-Universität Weimar

Achtes Kapitel: Zweite äfthetifche Grundnorm in gegenftändlicher Bezeichnung. 465 
dürfen, daß fie zu bedeutungsvollen menfchlichen Schickfalen in Be¬ 
ziehung gefetzt feien. Sonft würden fie uns völlig gleichgültig laffen. 
Daher ift auch an Götter, Dämonen u. dgl. die Forderung zu (teilen, 
daß fie als für den Menfchen bedeutungsvoll geftaltet und gefchildert 
werden. Es ift fo, wie Friedrich Vifcher fagt: „Der Gehalt im Schönen 
ift mittelbar oder unmittelbar (lets der Menfch.“1) 
5. Die Norm des Menfchlich-Bedeutungsvollen richtet ihre Spitze 
gegen das Nichtsfagende und gegen das allzu Sonderbare. 
Wenn (ich die Einfühlung mit inhaltlich nichtsfagenden Dingen 
befchäftigt, fo treibt fie Spielerei. Das Äfthetifche würde aus dem 
Reich der großen menfchlichen Werte völlig herausfallen, wenn auch 
das Nichtige, Gleichgültige, gänzlich Abgenutzte, Langweilige, Ober¬ 
flächliche, Läppifche, Abgefchmackte als würdiger Gegenftand der 
Einfühlung erklärt würde. Die oft gehörte Wendung: ein Gemälde, 
ein Bilderwerk müffe uns etwas zu fagen haben, hat in gewiffem Sinne 
Recht. Man darf nur das „Zu-fagen-haben“ nicht in rationalifti- 
fcher Weife als Belehren und Aufklären verliehen, fondern muß die 
gefühlsbewegte Perfönlichkeit vor Augen haben. Für diefe muß das 
Kunftwerk allerdings eine Sprache führen. Es muß uns durch das 
Kunftwerk, unmittelbar im Anfchauen der Einzelgeftalten, nach irgend 
einer Seite hin zu Gefühl kommen, was es heiße Menfch fein. 
Geht das Gefühl in diefer Hinficht leer aus, wird ihm ein Inhalt ge¬ 
boten, der wegen feiner Armfeligkeit und Dürftigkeit, Oberflächlichkeit 
und Abgefchmacktheit unfähig ift, eine Beziehung zum Menfchlich- 
Bedeutungsvollen zu gewinnen, fo kann zwar auch dann noch Ein¬ 
fühlung ftattfinden ; aber diefe Einfühlung wäre dann ein leeres, wert- 
lofes Tun. Nichtsfagender Inhalt zerftört das Äfthetifche als menfch- 
heitlichen Wert. 
Ein gewiffes naheliegendes Mißverftändnis darf freilich nicht 
eintreten. Lieft man Gerhart Hauptmanns naturaliftifche Dramen oder 
Erzählungen von Doftojewski oder Gorki, fo bekommt man es haufen¬ 
weife mit trivialen Menfchen zu tun, und doch wäre es ungerecht, 
zu glauben, daß hier überall wider die Äfthetik gefündigt fei. Aber 
auch außerhalb des naturaliftifchen Stils wird man befonders in Luft- 
fpiel und Poffe gar oft in die breite Alltäglichkeit geführt, ohne daß 
dies als ein äfthetifcher Verfloß zu betrachten wäre. Die Sache liegt 
eben fo, daß das Triviale und Nichtsfagende durch die Art der künft- 
!) Friedrich Vischer, Das Schöne und die Kunft, S. 90. 
Johannes Volkelt, Syitem der Ätthetik. I. Band 
Ablehnung 
des nichts* 
tagenden 
Inhalts. 
Genauere 
Beftimmung 
des 
Trivialen. 
30
        

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