Bauhaus-Universität Weimar

Achtes Kapitel: Zweite äfthetifche Grundnorm in gegenftändlicher Bezeichnung. 461 
Ziele und höchfte Güter ins Auge zu faffen. Wer fich im Endlichen 
heimifch fühlt und dabei das Endliche innerhalb feiner felbft ins Ideale 
fteigert, finkt in diefer Betätigung keineswegs zu einer nur halb oder 
nur einigermaßen berechtigten Vorftufe des Menfchlichen herab. Für 
diefe Anfchauung darf man fich vor allem auf Goethe berufen. Für 
Lebensführung wie Kunft galt ihm eine „heitere Liberalität“ als das 
echt Menfchliche.1) 
Was im befonderen die „Idee“ anlangt, fo kommt bei diefer 
Faffung des Gehaltes noch hinzu, daß damit der Gehalt viel zu fehr 
ins Allgemeine, Gattungsmäßige, Begriffliche verflüchtigt erfcheint. 
Was in Minna von Barnhelm als Stück oder in jeder einzelnen Ge¬ 
stalt darin ausgedrückt ift, läßt fich freilich, wie alles, unter gewiffe 
Gattungsbegriffe bringen; aber es geht in ihnen nicht auf. Jede 
der Perfonen ift ihrem Gehalte hach unvergleichlich mehr als Ver¬ 
körperung einer Idee. Nur bei fchlechten Dichtern hat das dargeftellte 
Leben die Dünne und Magerkeit der Idee. 
3. Der richtige Weg führt zwifchen diefer idealiftifchen Ober- Das 
fpannung und jener naturaliftifchen Gleichgültigkeit gegen alle Unter- B^deitungs- 
fchiede der Inhaltsbefchaffenheit. Schon in meinen Äfthetifchen Zeit- volle, 
fragen habe ich ausgeführt, daß der Zweck der Kunft in der Dar- 
ftellung des Menfchlich-Bedeutungsvollen liege.2) Ich glaube, daß 
durch den Begriff des Menfchlich-Bedeutungsvollen für jedweden Ge¬ 
halt des Äfthetifchen das unumgängliche Erfordernis bezeichnet ift. 
Welchen Maßftab meine ich denn nun, wenn ich die Forderung Allgemein- 
des Menfchlich-Bedeutungsvollen an den äfthetifchen Gehalt ftelle? ftedriesfg“n 
Dem Anfpruch des Menfchlich-Bedeutungsvollen wird dann genügt, Forderung, 
wenn fich in dem Gehalt des äfthetifchen Gegenftandes etwas für die 
Natur des menfchlichen Lebens und Schicksals nach irgend einer 
Seite hin Wefentliches zum Ausdruck bringt. In dem äfthetifchen 
Gehalt muß etwas zu uns fprechen, was für menfchliches Dafein und 
menfchliche Entwicklung typifch und charakteriftifch ift. Dabei ift zu 
überlegen, daß unfere gefühlsmäßige Auffaflung von der Natur des 
*) Für die Kunft führt dies Goethe in der Schrift „Der Sammler und die 
Seinigen“ (befonders im vierten Briefe) aus. 
2) Äfthetifche Zeitfragen, S. 15 ff. Wenn Schleiermacher vom Künftler ver¬ 
langt, daß er Gattungsbewußtfein, Bewußtfein vom menfchlichen „Geift an fich“ habe, 
und daß die Kunfttätigkeit überall zurückgehen müffe auf das höhere Allgemeine, 
unter dem das Einzelne feinen Ort hat (a. a. O. S. 146 ff.), fo liegt hierin eine ge¬ 
wiffe Annäherung an die Norm des Menfchlich-Bedeutungsvollen.
        

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