Bauhaus-Universität Weimar

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Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
Ich fehe in diefer Auffaffung eine Harke Oberfpannung der an 
den älthetifchen Gehalt zu Hellenden Anforderungen. Hätte diefe 
Auffaffung Recht, fo würde damit eine gewaltige Verkürzung des 
äffhetifchen Gebietes gegeben fein. Wie foil der äflhetifche Wert einer 
Baumgruppe, eines Stilllebens, eines Kruges, eines Teppichs, eines 
Landhaufes unter jene Formeln gebracht werden? Aber auch in der 
Dichtkunfl gibt es unzählige Fälle, die nur unter gewaltfamer Hinauf- 
fchraubung irj jene Formeln gezwängt werden könnten. Man laffe 
etwa Novellen oder Lufffpiele in feiner Erinnerung vorübergehen, und 
man wird die Richtigkeit meiner Behauptung einfehen. Und hätte 
gar Schelling mit feiner Lehre Recht, daß nur die Mythologie, nur 
die Welt der Götter der wahre Stoff der Kunff fei,1) fo würde hiermit 
faff die ganze Kunff der neueren Zeiten verworfen fein. Auch darf 
man nicht fordern, es fei ein Schnitt zu machen zwifchen jenen großen 
Schöpfungen, die uns Höchffes und Tieffles offenbaren, und diefen 
geringfügigen Gebilden; und man habe in diefen nur unvollkommene 
Annäherungen an jene Schöpfungen, nur Vorftufen zu erblicken. Denn 
auch die Befriedigung, die uns ein wohlgeformter Krug, ein liebliches 
Rankengewinde, eine zierliche Novelle gewähren, iff durchgeiffigter 
und idealer Art, in fich gefchloffen und vollendet. Es hieße, die Be¬ 
friedigung, die von diefen Gegenfländen ausgeht, herabdrücken und 
in ein falfches Licht rücken, wenn man fie aus dem Reiche der wahr¬ 
haften äffhetifchen Werte hinausweifen wollte. 
Im Grunde liegt hier eine überfpannende Auffaffung vom Wefen 
des Menfchen vor. Ich fehe echt Menfchliches nicht nur dort, wo 
menfchliche Äußerungen fich den höchften Idealen oder gar dem 
Ewigen und Göttlichen zuwenden. Der Menfch braucht nicht unaus- 
gefetzt mit feinen Gefühlen und Gedanken auf diefe letzten Ziele und 
Güter gerichtet zu fein. Zum Echtmenfchlichen gehört auch, fich im 
Endlichen und Irdifchen, im Kleinen und Mäßigen durchgeiftigend 
und erhöhend zu bewegen, ohne darum dabei fchon abfchließende 
zu feiern? Heidelberg 1903. Indeffen haben folche Schriften, die einen vom Stand¬ 
punkte gerechten und allfeitigen Erwägens aus zu hoch gefpannt erfcheinenden 
Idealismus vertreten, vielleicht gerade um deswillen nach anderer Seite einen um 
fo höheren Wert. Sie können ganz anders durchwärmend, aufrüttelnd, emporreißend 
wirken wie die mit den gerechten Ermäßigungen und fachgemäßen Einfchränkungen 
ausgerüfteten Schriften. 
*) Schelling, Philofophie der Kunft, § 25 ff. Im 5. Bande der erften Abteilung 
der Werke, S. 388 ff.
        

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