Bauhaus-Universität Weimar

446 
Dritter Abfchnitt: Normative Grundlegung der Äfthetik. 
Letzter 
Grund der 
lubjekti- 
viltifchen 
Autfaffung. 
gleicher äfthetifcher Stufe mit den Schirmquallen, dem Schwalben¬ 
schwänze, dem Papagei, Adler, Löwen oder Hunde ftehen. 
Mr werden weiterhin fehen, daß an Stelle des Vollkommenheits¬ 
ideals ein viel weiterer, bedeutend mehr Mannigfaltigkeit zulaffender 
Maßftab an den äfthetifchen Inhalt gelegt werden muß. Ich werde 
diefen Maßftab als die Forderung des Bedeutungsvollen bezeichnen. 
Dort allererft wird auch die zufammenhängende Auseinanderfetzung 
mit dem Vollkommenheitsbegriff gegeben werden können. 
4. Auf Grundlage der objektiven Bedeutung nun entfaltet fich 
die vermenfchlichende Einfühlung. Was aber gibt mir das Recht 
dazu, diefe fubjektive Hinzufügung als eine wesentliche Seite des 
äfthetifchen Verhaltens und nicht vielmehr als eine fubjektiviftifche 
Verunreinigung und Trübung der rein fachlichen Abspiegelung anzu- 
fehen? Der letzte Grund liegt in dem Verlangen und Können des 
menfchlichen Geiftes, überall in der Natur fich felbft wiederzufinden, 
in allem Untermenfchlichen, und liege es noch fo weit ab von ihm, 
menfchlich feelifche Regungen und Strebungen zu ahnen und zu 
fühlen. Der menfchliche Geift duldet nichts ihm völlig Fremdes in 
der Welt; er will von dem, was ihn umgibt, durch keine Kluft ge- 
fchieden fein; er will überall, auch in dem Entlegensten und Unähn¬ 
lichsten, Geift von feinem Geifte Spüren und fehen. Auch in dem 
Starren und Toten, auch in dem Wilden und Wüften ahnt er etwas 
vom Pulsfchlag menfchlich-feelifchen Lebens. Alle Geftalten und 
Kräfte der Natur werfen ihm wenigstens Spuren feines eigenen See¬ 
lischen Wefens zurück. Er läßt es nirgends zu einem unbedingten 
Jenfeits des Seelifchen kommen. Sein panpfychiftifcher Drang zieht 
alles, was auch immer ihm gegenübertrete, in den gewaltigen Strom 
eines ihm ähnlichen Seelenlebens herein. 
So wenigstens verhält es fich im naiven, noch nicht durch Kritik 
und WiSfenfchaft in jenem ursprünglichen Trieb geftörten Geifte. So¬ 
bald der Menfch die Natur im Sinne der modernen Naturwiffenfchaft, 
im Sinne mechanischer Begriffe verliehen lernt, erfährt jener Trieb 
eine Hemmung. Er kann fich nun nicht mehr So kraftvoll und un¬ 
gebrochen betätigen. So geschieht es, daß der moderne Menfch die 
Naturbefeelung nicht mehr im Sinne der Mythologie vornimmt. Er 
gibt Wolken und Gewäffem, Bergen und Bäumen eine menschen¬ 
ähnliche Seele nicht mehr in dem Glauben, daß menschenähnliche 
Wefen (Geifter, Halbgötter, Götter) wirklich in ihnen leben. Die 
menfchliche Befeelung hat für ihn den Sinn des Als-Ob; der Glaube
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.