Bauhaus-Universität Weimar

Siebentes Kapitel: Die äfthetifche Bedeutung der untermenfchlichen Gebilde. 441 
konkreten Begriff ahnen, deffen finnliche Verwirklichung fie find.1) 
So ift es auch bei den Schülern Hegels. Selbft in Vifchers „Äfthetik“ 
herrfcht grundfätzlich, dem ga^en Geifte diefes Werkes gemäß, die 
Auffaffung, daß für das Naturfchöne allein die Kräfte und Gattungen 
der Natur maßgebend find. Tatfächlich freilich ift die Behandlung 
des Naturfchönen bei ihm vielfach von dem Gedanken durchzogen, 
daß an dem äfthetifchen Wert der Naturgeftalten das unwillkürliche 
fubjektive Leihen von fymbolifchem Sinn mit beteiligt ift. Nur hat 
Vifcher diefen Gedanken nicht ausdrücklich in das Grundgefüge feiner 
damaligen Auffaffung aufgenommen. Aber auch für Schopenhauer und 
Hartmann ift das Naturfchöne Offenbarung der zu Grunde liegenden 
Ideen. Und ebenfo gibt es in der modernen nichtfpekulativen Äfthe- 
tik zahlreiche Vertreter der objektiviftifchen Auffaffung. So fagt 
Theodor Alt: die Schönheit eines organifchen Körpers befteht „in 
der Vollkommenheit, mit welcher er das ihm eigentümliche Wefen 
erfüllt.“2) 
Der Subjektivismus nun ift nicht in dem unverftändig äußerften 
Sinn zu nehmen, daß die objektive Bedeutung der untermenfchlichen 
Dinge für ihren äfthetifchen Wert gänzlich außer Betracht bliebe und 
lediglich in ihrer ftimmungsmäßigen Vermenfchlichung ihr äfthetifcher 
Wert beftünde. Zu einer fo offenfichtlichen Unhaltbarkeit wird lieh 
wohl kaum jemand bekennen. Vielmehr gefleht der Subjektivismus 
ohne weiteres zu, daß, wie gar nicht anders zu erwarten ift, der 
äfthetifche Wert der untermenfchlichen Gebilde zunächft durch ihre 
objektive Bedeutung, durch ihre Stellung in der Außenwelt beftimmt 
ift. Nur läßt er für ihren äfthetifchen Wert außerdem noch die 
ftimmungsfymbolifche Befeelung, den eingefühlten analog-menfchlichen 
Gehalt maßgebend fein. Und ihm gilt diefe Erweiterung des Gehalts 
nicht etwa als ein Nebenbei, als ein beiläufiges Anhängfel, fondem als 
wefentlich zum äfthetifchen Eindruck alles Untermenfchlichen gehörig. 
Ja der äfthetifche Eindruck der untermenfchlichen Geftalt würde fremd 
und unverftändlich bleiben, wenn es bei dem nur objektiven Gehalte 
fein Bewenden hätte. Erft die unwillkürliche Vermenfchlichung gibt 
dem äfthetifchen Eindruck des Untermenfchlichen jenes Nahe, Warme, 
unmittelbar Anfprechende, das wir in fo wohltuender Weife erfahren. 
*) Hegel, a. a. O., Bd. 1, S. 164 f. 
2) Theodor Alt, Syftem der Künfte. Berlin 1888. S. 29. Man vergleiche 
auch die Kritik, die Hugo Spitzer (Kritifche Studien zur Äfthetik der Gegenwart. 
Leipzig und Wien, 1897) an Alt übt (S. 9 f.). 
Subjekti- 
viftifche 
Auffaffung
        

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