Bauhaus-Universität Weimar

Viertes Kapitel: Die Kunftzweige mit Vorftellungstiberfchuß. 
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den aus jenem Verfloß entftehenden äfthetifchen Mangel möge man 
um der überwiegenden äfthetifchen Vorzüge willen ruhig hinnehmen. 
Die weiter folgenden Betrachtungen der in Frage kommenden Kunft¬ 
zweige werden zeigen, in wie hohem Grade diefe Beurteilungsweife 
richtig ift. 
Von anderer Seite wiederum könnte vielleicht getagt werden : wenn 
jene Forderung fich wirklich mit gewiffen Kunftzweigen nicht ver¬ 
trägt, fo folgt daraus, daß die Forderung die tatfächlichen Bedingungen 
nicht gehörig berückfichtigt und daher als überfpannt und haltlos 
aufzugeben ift. Auch diefe Folgerung geht daneben. Denn abge- 
fehen davon, daß fich uns die erfte Grundnorm, deren eine „Hälfte“ 
gewiffermaßen doch jene Forderung ift, in entfcheidender Weife ge¬ 
rechtfertigt hat, muß darauf hingewiefen werden, daß die in Frage 
flehenden Kunftzweige felbft, wie wir fehen werden, darnach ftreben, 
jener Forderung foviel als möglich gerecht zu werden. Werfen fie 
auch durch ihr Dafein fchon der vollen Erfüllung jener Forderung ein 
Hindernis entgegen, fo möchten fie doch anderfeits ihrer Erfüllung 
fo nahe als möglich kommen. So zollen alfo auch fie jener Forde¬ 
rung tatfächlich ihre Anerkennung. 
2. Was ich jetzt im allgemeinen angedeutet habe, kommt in 
zwei erheblich verfchiedenen Formen vor. In den Fällen der erften 
Art will der Künftler einem Gehalt finnliche Geftaltung geben, der 
doch zu einem Teile in die feiner Kunft zu Gebote flehende Veran- 
fchaulichungsart nicht eingehen kann. Es befteht an dem Gehalt ein 
Überfchuß, deffen Verleiblichung über die Mittel der fraglichen Kunft 
hinaus liegt, der alfo auch vom Betrachter aus der Form des Kunft- 
werkes nicht herausgefühlt und herausgefchaut werden kann. So muß 
denn der Künftler darauf rechnen, daß diefer Überfchuß an Gehalt 
dem Betrachter irgendwie zunächft in der Weife der bloßen 
Vorftellung und des bloßen Wiffens zu teil werde und der Be¬ 
trachter auf diefem Umwege in die finnliche Form das hineinfchaue, 
was ftreng genommen in fie felbft nicht hineingeftaltet ift. Es muß 
auf diefen Fall genauer und anfchaulicher eingegangen werden, wenn 
ich auch freilich hier diefen weitfchichtigen Gegenftand nicht er- 
fchöpfen kann. Ich würde fonft zu fehr in die Äfthetik der einzelnen 
Künfte hineingeraten. — Die zweite Form, in der es zu einem 
gewiffen Widerftreit zwifchen einer Kunft und der Forderung des form¬ 
gewordenen Gehaltes kommt, wird uns im folgenden Kapitel be- 
fchäftigen. 
Ungeltalt- 
barer Vor- 
ftellungs- 
überfchuß.
        

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